Die verlorenen Tagebuchseiten der N.
Verfasst von Esther am Oktober 4
“Nein!”, schrie ich dem Typ ins Gesicht, “Lass mich endlich in Ruhe, Du perverses Schwein!”, aber er umklammerte meinen Arm nur noch fester mit seiner riesigen Hand. “Bitte!”, stöhnte er und Sabber rann dabei sein Kinn hinunter. Der eklige Saft tropfte weiter hinab und verfehlte mich nur um Haaresbreite. Mein Kopf reichte gerade mal bis kurz über seinen Gürtel, der Riese musste bestimmt 2 Meter groß sein und er stank nach billigem Dosenbier und Schweiß. Ich kannte dieses ekelige Subjekt ziemlich gut, unter uns Mädchen war er als “Professor” bekannt, wegen seiner Vorliebe für ziemlich widerliche Spielchen, aber auch wegen seiner unheimlichen Blödheit. Der musste als Kind echt in einen Topf voller Scheiße geflogen sein, so beschissen war der. Also ein ziemlich ätzender Typ, der aber irgendwie geil auf mich war und mir nun den ganzen Tag hinterher hechelte. Keine ging mit dem, und hey, ich habe auch meinen Stolz. Bevor ich mit so einem mitgehe müsste ich echt völlig kaputt sein, war ich aber nicht. Also sagte ich ihm nochmals in einem bemüht coolen Tonfall : “Du tust mir weh, lass bitte los und vor allem : Verpiss Dich, oder ich hole die Bullen”. Der Professor sah mich mit seinem bescheuerten Dackelaugen an, ich glaubte zu träumen, der heulte ja. Im Ernst, dicke, fette Krokodilstränen, wie aus dem Bilderbuch liefen da wo kurze Zeit zuvor der Sabber gelaufen war. Er fiel auf die Knie und gurgelte ein undeutliches : “Ich brauche Dich doch, sonst bin ich am Arsch.” Ich sah zu Ewa und Katinka rüber, zwei meiner Kolleginnen, die alles von ihrem Stammplatz an der Frittenbude aus mitangesehen hatten und sich vor lachen kaum noch halten konnten. Aber lustig fand ich das nun irgendwie gar nicht. Ich sah dieses arme Schwein vor mir, einen 2 Meter Mann dessen IQ mit dem seiner Bierdose konkurrierte und der heulte wie ein Baby. Endlich ließ er meinen Arm los. Ich hatte plötzlich Mitleid und das ist in meinem Beruf wirklich nicht von Vorteil. “Okay”, sagte ich, “aber nur wenn die Kohle stimmt und nicht länger als 30 Minuten…” Wir gingen in ein stinkiges kleines Zimmer nicht weit vom Bahnhof entfernt. Als wir oben waren, spürte ich schon seine Ungeduld und sein Atem ging immer schwerer. “Also gut, dann bringen wir es hinter uns”. 25 Minuten später war ich wieder draußen, die Tür hinter mir zog ich eilig ins Schloss. Mir wurde schlecht und ich lief so schnell ich konnte zur nächsten U-Bahnstation, stieg in die nächste Bahn und fuhr einfach los, irgendwohin, egal, Hauptsache weg von diesem Elend. Hätte mir damals jemand gesagt, dass dieser Typ tatsächlich einmal ein Buch über mich herausgeben würde, ich hätte ihn nur ausgelacht.
Veröffentlicht in Salome an der Feder | 9 Kommentare »

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