Archiv für 'Belletristik allgemein' Kategorie
Verfasst von Esther am April 21
(K)ein Geheimnis …
…, dass Phillippe Grimberts Roman einer besten Romane ist, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Das Buch ist das Portrait eines außergewöhnlichen Jungen, in einer schwierigen Zeit.
1948 in einer jüdischen Familie geboren muss er mit dem schrecklichen Erbe der Nazizeit leben lernen. Der Sohn zweier olympiareifer Athleten ist kränklich und schwach, er erhält kaum Zuwendung und Anerkennung, wird eher als Strafe und Prüfung, denn als Segen von seinen Eltern betrachtet. Der Junge sieht seine Eltern als geliebte Statuen, für ihn unerreichbar, hart, perfekt. So sehr er sich auch bemüht mit hervorragenden schulischen Leistungen zu brillieren, er kann seine Eltern nicht beeindrucken. Der Junge fühlt und ahnt, dass etwas in der Familie nicht stimmt und irgendwann lüftet sich auch das Geheimnis.
Die Autobiographie des Autors ist inhaltlich beeindruckend und spannend zu lesen. Die Personen sind lebhaft beschrieben, das Seelenleben des jungen Erzählers liegt offen vor einem. Es ist sehr kunstvoll, wie Grimbert Dinge ins Bewußtsein des Lesers bringt und dabei zu seinem eigenen Leben dennoch die notwendige Erzählerische Distanz einhält. Der Stil und die Form des Buchs sprechen mich sehr an, denn ich mag diesen fast lyrischen Aufbau, der ja in vielen kleinen französischen Novellen zu finden ist. Jeder Abschnitt ist für mich quasi wie ein eigenes Gedicht, sehr schön, wenn auch oft atmospärisch düster und beklemmend.
Am Ende war ich zwar in Tränen aufgelöst, aber hingerissen von diesem wertvollen Stück Literatur.
Daher keine Frage, dieses Buch verdient mindestens:

ISBN: 3518459201
Übersetzt von Holger Fock, Sabine Müller
Suhrkamp Verlag KG
Februar 2008 - kartoniert - 154 Seiten
Originaltitel: Un secret, 2004.
Suhrkamp taschenbücher Allgemeine Reihe
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Verfasst von Esther am März 18
Befreiungsschlag gegen parfümierte Slipeinlagen, Rasierzwang und Hygienewahn
Charlotte Roches erster Roman musste ja irgendwie etwas besonderes sein, sie selbst ist es ja schließlich auch selbst.
Protagonisten ihres Romans ist die 18 jährige Helen. Bei einer Intimrasur am Arsch, schneidet sie sich in den selbigen. Als die Wunde zu eitern beginnt geht sie ins Krankenhaus, muss operiert werden. Der Aufenthalt im Krankenhaus wird in Helens Leben schließlich ein Wendepunkt.
Hygiene wird bei mir kleingeschrieben
Helen hat ein - sagen wir - sehr inniges Verhältnis zu ihrem Körper und ihrer Sexualität. Es ist sozusagen ihr Lebensinhalt. Jede kleine Fantasie muss ausgelebt werden und jeder noch so verschrobenen, unbeantworteten Frage muss nachgegangen werden. Mit unbelasteter Neugier und Pioniergeist geht Helen auf eine etwas andere Entdeckungsreise ihres Körpers. Hiervon wird nichts an Körperflüssigkeiten ausgespart, Eiter, Wundschorf, Smegma… Helen plaudert über Analverkehr und Tampontausch mit der Freundin, wie andere in ihrem Alter über Schminktipps plaudern.
Charlotte Roche provoziert bewusst und übertreibt sicher auch an der ein oder anderen Stelle gerne mal mit Helens Ekel-Aktionen, ihrem Fetischismus und Hygieneekel. Allerdings ist das auch im Kontext notwendig damit der Leser aus der konventionellen Welt der Hyperhygiene erstmal hinausgeschleudert wird und sich in den Ursprüngen des Menschen wiederfinden kann.
Die Idee zu diesem Buch entstand aus Roches Wut über parfümierte Damenbinden und Intimlotionen, die Frauen suggerieren sie stinken da unten und zwar so schrecklich, dass man man das nicht einmal mit normaler Seife wegwaschen kann, beziehungsweise mit Maiglöckchenduft überdecken muss. Das führt bei vielen Frauen zu Hemmungen z.B. beim Oralverkehr. Während Männer losgelöst mit ihrem Sperma und Smegma wenig Sorgen haben, ich habe bis dato zumindest noch keine Intimlotion für Männer entdeckt. Frauen haben nun einmal Vaginalsekrete, Frauen kacken, Frauen haben ihre Tage, Frauen sind eben Menschen, Menschen die ihre Fetische und auch ihre Ekelseiten haben. Ich kann Roches Bedürfnis nach diesem Buch sehr gut verstehen und bin froh solch offene und unverklemmte Worte zu dem Thema gelesen zu haben. Ein Befreiungsschlag gegen die Mafia der Damenhygiene.
Die andere Seite des Buchs ist fast tragische Hintergrund der Figur Helen. Er scheint nur an einigen Stellen des Romans durch, gerade genug um zu verstehen, warum einiges an dem Mädchen so extrem ist. Helen ist Scheidungskind, leidet sehr darunter, fühlt sich unsichtbar. Daher ihr starkes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, danach andere zu schockieren und einen Teil von ihr mit anderen zu verbinden, was ihr scheinbar nur über das Verstreuen ihrer Bakterien zu gelingen scheint. Einzig Pfleger Robin kommt Helen nah. Ihm gelingt es durch Helens Fassade zu dringen.
Roches Romans ist in einer Sprache geschrieben, die der der 18-jährigen Helen entspricht. Einach, kurz auf den Punkt gebracht, cool, nah der realen Gegenwart. Es liest sich daher locker flockig, auch durchs Roches einmaligen Humor, der mal subtil durchscheint, mal wie ein Hammer kommt. Ich habe an einigen Stellen herzlich gelacht und auch sonst habe ich mich prächtig amüsiert. Auch die Message ist bei mir angekommen. Also ein stimmiges, gutes Leserlebnis.
Witzig finde ich vor allen Dingen die Reaktionen, bzw. Rezensionen zu diesem Buch, besonders die bei Amazon. Allein der Klappentext, bzw. Beschreibungen des Buchs lassen doch ziemlich deutlich durchblicken was einen erwarten könnte. Nein, jeder Otto-Normal-Spiesser muss das Buch trotzdem haben und lesen, und sei es nur um sich hinterher über die sooooo ekligen Szenen (die meist gar nicht sooooo ekelig sind) aufzuregen. Ist mir ein Rätsel. Vielleicht um vor den anderen klarzustellen, wie sauber und rasiert sie doch sind im Gegensatz zu Ekel-Helen, sonst könnte man ja sonst was von Ihnen denken. Lustig, dass man die Leute doch noch schocken kann!
Weiter so Charlotte!
Meine Bewertung:

ISBN: 3832180575
DuMont Buchverlag GmbH
Februar 2008 - kartoniert - 219 Seiten
14,90 €
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Verfasst von Esther am März 2
Was wäre passiert hätte die Wiener Kunstakademie über Hitlers Aufnahme damals anders entschieden ?
Dieses Gedankenexperiment ist die Basis von Schmitts Roman Adolf H.
“Adolf H., bestanden”. Er wird Student an der Kunstakademie, arbeitet an sich, erfährt Anerkennung, macht eine Psychotherapie und lernt die Liebe kennen. So gewappnet kann er auch das Leid und die schweren Prüfungen seines Lebens unbeschadet überstehen, bleibt eine normaler Mensch.
Parallel dazu erzählt Schmitt die reale Geschichte Hitlers, seinen Werdegang, literarisch aufgearbeitet. Natürlich nimmt er sich auch hier einige künstlerische Freiheiten, bleibt aber doch im Rahmen relativ nahe bei den Fakten. Die beiden Handlungsstränge wechseln sich stets ab, so das Hitler und der fiktive Adolf H., die natürlich anfangs noch sehr ähnlich sind, Stück für Stück auseinanderdriften und in völlig unterschiedliche Richtungen gehen. Das macht den Spannungsbogen des Buchs aus und diese Entwicklungen wurden auch von Schmitt sehr gekonnt in Szene gesetzt. Besonders hervorzuheben die Beschreibungen des ersten Weltkriegs aus beiden Perspektiven, die doch sehr nahe gehen. Hier entwickelt sich Hitler zu dem Monster Hitler. Auch Adolf H. kehrt nicht als der selbe Mensch von der Front zurück…
An der Person Hitlers wurde nichts beschönigt, oder verharmlost, wobei ich mir sicher bin, dass dies ein Punkt ist an dem sich die Geister scheiden werden. Es ist ja immer quasi ein Tabubruch von Hitler als Menschen zu sprechen, was er aber nun mal einfach war. Er symbolisiert allgemein das Böse, das in jedem Menschen wohnt. Natürlich möchte man diese Seite des Menschen lieber als einmalige Perversion, als Unfall der Natur darstellen, der nicht mehr wiederholbar ist und weist das Monster weit von sich. Doch das jeder Mensch unter gewissen Umständen ein Hitler hätte werden können, das wollte Schmitt vermitteln. Und: nur vor dem was man verstanden hat, vor dem ist man wirklich gefeit.
Mit Adolf H. wollte Schmitt quasi das Gegenstück zum Evangelium nach Pilatus schreiben. Ein Buch über das Böse. Er hat sich beim Schreiben sehr glaubhaft in die Psyche Hitlers hineinversetzt auch wenn er ihn nach eigenen Angaben nach einer gewissen Zeit kaum noch ertragen konnte und dessen Tod herbeisehnte. Mit Adolf H. jedoch rührt er an die Menschlichkeit und einige starke Momente des Buchs lassen einen schon sehr emotional werden.
Für mich eine tolle Idee und eine gelungene Umsetzung. Vielleicht mit kleineren Mängeln im Aufbau der Story, die Schmitt aber mit vielen wertvollen Gedanken wieder wett macht.
Meine Bewertung :

ISBN: 3250601071
Übersetzt von Klaus Laabs
Ammann Verlag
Februar 2008 - gebunden - 480 Seiten
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Verfasst von Esther am Februar 20
Székely lässt das Ungarn der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auferstehen, um es anschließend gnadenlos niederzureissen.
Wer bei dem irreführenden Cover des Romans der Verlockung erliegt und auf einen verklärenden, romantischen Schmachtfetzen hofft, wird bei der Lektüre von Székelys gnadenlos gesellschaftskritischen Roman, mit seinen unbarmherzig ehrlichen Beschreibungen von Armut und Klassengesellschaft, ein böses Erwachen erleben.
Székely lässt Protagonist Béla in seinem autobiographisch gefärbten Roman durch die Hölle gehen.
In der ungarischen Provinz gibt Bélas junge Mutter den unehelich gezeugten Jungen in eine Art Heim für arme Bankerte und zieht nach Budapest, um dort zu arbeiten. Sie hat kaum eine Bindung zu dem Jungen.
Betreut von der, ihm nicht sehr wohlgesonnenen, geldgierigen ehemaligen Hure Tante Rozika, wird der Junge in schlimmster Armut und Hunger groß. Liebe und Geborgenheit sind ihm fremd und machen ihn sogar Angst, wohl aber kann er Prügeln und lernt zu überleben. Trotz all dem hat Béla ein großes Bedürfnis nach Wissen und schafft es bald sogar die Schule besuchen zu dürfen. Er entpuppt sich als einer der gelehrigsten Schüler der Schule.
Nach dem er eines Tages, in einem besonders harten Winter, beim Diebstahl von Schuhen erwischt wird, muss Béla das Dorf verlassen und muss zu seiner Mutter, mit der er jahrelang keinen Kontakt mehr hatte, nach Budapest ziehen. Anfangs scheint der Junge von der Veränderung in seinem neuen Leben und von der großen Stadt begeistert. Schnell stellt sich jedoch heraus, dass die Mutter in sehr ärmlichen Verhältnissen lebt und Béla auch die geliebte Schule fortan nicht mehr besuchen darf, sondern eine Lehre in einem Hotel beginnen muss. Die Träume des Jungen zerplatzen, nur der Wunsch dieser Armut zu entkommen treibt ihn voran.
In dem Hotel lernt Béla erstmals die andere Seite kennen, Reichtum und Dekadenz, die ihn zunächst magisch anzieht; verkörpert von der Exzellenz, einer betörend schönen, aber ebenso unberechenbaren Dame der High Society. Der junge Mann schwankt zwischen den Welten der schlimmsten Armut und des Reichtums. Als seine Exzellenz ihn zu ihrem Geliebten macht erliegt er schließlich der Welt des Glanzes und droht dabei sich selbst zu verraten und zu zerstören.
In dem 800 Seiten langen Roman lässt Székely dem Leser viel Zeit und Raum, um den jungen Béla genauestens kennenzulernen. Die Kindheit des Jungen und auch seine Gedanken lassen den Leser nicht mehr los. So fühlt man sich denn auch sehr verbunden mit Béla, man versteht ihn, leidet und bangt mit ihm. Verlockung ist eine stilistisch einfach gehaltene Geschichte, aber mit berauschender Gedankenfülle und einmalig plastischen Bildern. Székelys Wut und Ohnmacht über die Zustände zu jener Zeit in seinem geliebten Heimatland scheint in jeder Zeile durch. Oft ist der Roman dadurch auch sehr sozialkritisch und/oder politisch. In einigen Monologen schreit der Autor förmlich: Schaut auf mein Land! Seht was wir durchgemacht haben und noch immer durchmachen! Der Leser wird in diesem Buch nicht in Watte gepackt, er wird mit der harten Keule traktiert.
Auch heute ist das Buch noch sehr aktuell und einigen Menschen in meinem Umfeld würde ich dieses Buch gerne zur Pflichtlektüre machen. Vieles hat dieses Buch in mir bewirkt.
Das Buch ist uneingeschränkt als Meisterwerk weiterempfehlen! Daher:
Meine Bewertung:
++
ISBN: 3442735106
Übersetzt von Ita Szent-Iványi
Btb
Juni 2007 - kartoniert - 816 Seiten
Originaltitel: Kisértés.
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Verfasst von Esther am Januar 31
Sehr erfreut und terrorisiert soll der Leser nach Wünschen von Autor John Banville nach der Lektüre seines Romans sein. Kann man Banville denn nun seinen Herzenswunsch erfüllen?
Max Morden, ein Kunsthistoriker, der halbherzig an einer Monographie über den Maler Bonnard arbeitet, hat das Schicksal hart getroffen. Seine Frau Anna ist unheilbar an Krebs erkrankt. Max begleitet sie lange durch den Prozess des Sterbens. Nach ihrem Tod, zieht sich der haltlos Trauernde an einen Ort seiner Kindheit zurück, der für ihn in der Vergangenheit eine feste Grösse war. An den Ort am Meer, an dem er als Kind mit seinen Eltern die Sommer verbrachte. Auf der Suche nach der Sicherheit der Vergangenheit und deren Trost entdeckt er unter anderem das ärmliche Chalet wieder, in dem sie wohnten, und die Pension, in der die etwas betuchtere Familie Grace ihre Ferien verbrachte. Die Familie, die in seiner Kindheit eine grosse Rolle spielte, hatte Max sich doch als Junge erst Hals über Kopf in Mutter Grace verschossen und war später der Tochter Chloe verfallen. Überhaupt stellt für den kleinen Max die Familie Grace eine Idealvorstellung dar. Seiner eigenen Herkunft un seinen Eltern schämt er.
Aber nicht nur die Orte seiner Vergangenheit entdeckt der inzwischen gealterte Max wieder. Eine Flut von schönen, aber auch von vielen verdrängten und unangenehmen Erinnerungen taucht wieder auf.
John Banville wird oft die Kälte seiner Prosa vorgeworfen. Ein unglaublicher Vorwurf, den ich in keinem Fall bestätigen kann. Selten habe ich ein ehrlicheres und emotionaleres Buch gelesen. Max ist ein Mensch mit allen Schwächen, Ecken und Kanten, die ein Mensch nunmal so hat. Er ist kein Sympathieträger, kein Held. Und gerade dadurch schafft es Banville mit dieser Figur den Leser zu erreichen.
Zugegeben der Anfang des Romans ist schwierig. Banville spinnt verschiedene Handlungsstränge und verschiedene Zeitebenen erst nach und nach zu einem ganzen zusammen. Es lohnt sich aber etwas Geduld und Gehirnschmalz in die Geschichte zu investieren, denn man wird mit einem wundervollen Lesegenuss belohnt. Und ja, die Ehrlichkeit und Tiefe in diesem Roman geht bis zur Schmerzgrenze, kann einen also durchaus terrorisieren. Das ich darüber hinaus mehr als erfreut war dieses Buch gelesen zu haben kann man wohl durchhören. Klassenziel also erreicht, Herr Banville.
Die See ist ein stilles Buch, ein Buch, dass einen auch nach einiger Zeit noch beschäftigt und bewegt. Ein absolut rundes und stimmiges Werk und sprachlich herrausragend. Einen Ehrenplatz in meinem Regal ist ihm sicher.
Meine Bewertung daher :

Originaltitel: The Sea
ISBN: 346203717X
Übersetzt von Christa Schuenke
Kiepenheuer & Witsch GmbH
August 2006 - gebunden - 224 Seiten
Veröffentlicht in Belletristik allgemein, Rezensionen | Getaggt: Irland, Man Booker Prize, Banville | 2 Kommentare »
Verfasst von Esther am Januar 18
… und andere Geschichten erzählt Philippe Claudel in seinem neuen Buch und überrascht mit völlig neuen Tönen.

Denn bei dem neuen Buch handelt es sich doch, nach dem ersten Überfliegen, augenscheinlich um ein Kinderbuch?
Und in der Tat: Die Ideen für seine Romane kommen Claudel meistens beim Erzählen von Gute-Nacht-Geschichten für seine neunjährige Tochter, ebenso die Ideen für die Kurzgeschichten in Der Junge, der in den Büchern verschwand.
Viele kleine Erzählungen, Märchen, Fabeln und Anekdoten hat Claudel zusammengetragen. Wundervolle und wundersame Geschichten kann man in seinem Buch lesen:
In Die Welt ohne Kinder, übrigens die Titelgeschichte im französischen Original, schildert er eine Art Generalstreik, eine Auswanderung aller Kinder auf der Erde und die traurige, öde Welt, die sie zurücklassen.
Ein wenig der Unendlichen Geschichte begegnet dem Leser in der Titelgeschichte, Lucas hat ein liebloses, brutales Elternhaus, dem er nur entkommen kann in dem er sich - auch physisch - in Bücher flüchtet. Fast brutal wird es in Der Eintopf, märchenhaft in Feen haben es schwer. Die Impfung fordert den Leser auf an seine Träume zu glauben.
Besonders hervorzuheben und die für mich schönste Erzählung ist Das kleine Mädchen in der Seifenblase. Eine poetische, klangvolle, ein wenig traurige Parabel, die anrührt.
Jeder kleine Teil des Buchs ist ein Unikat, etwas Besonderes. Mit einem Maximum von 10 Seiten pro Geschichte, sind diese sicher schnell gelesen, mit ihrer Weisheit und Sensibilität vermögen sie aber noch lange zu beschäftigen.
Einiges habe ich meinen Kindern vorgelesen, die sehr begeistert immer noch mehr hören wollten. Vieles regt Kinder zum Fragen an, einiges ist auch einfach herrlich frech und albern. Aber immer werden die Geschichten mit viel, scheinbar unerschöpflicher, Fantasie erzählt.
Und doch: Der Junge, der in den Büchern verschwand ist ein Buch für Erwachsene. Es lässt den gestressten, hektisch durch sein Leben hetzenden Menschen für einige Momente inne halten, sich zurücklehnen und, in seine Kindheit zurückversetzt, einfach einmal schönen Gedanken nachgehen und träumen.
Meine Bewertung:

Originaltitel: Le monde sans les enfants
ISBN: 3463405253
Übersetzt von Christiane Seiler
Kindler Verlag
Januar 2008 - gebunden - 92 Seiten
Veröffentlicht in Belletristik allgemein, Kinder - und Jugendliteratur, Meine frankophonen Freunde, Rezensionen | Keine Kommentare »
Verfasst von Esther am Januar 15
… das neue Buch von Philippe Claudel ist da!
Dank dem Buchprojekt Heidi Hof, als Rezensionsexemplar sogar schon ein paar Tage vor Veröffentlichung. Danke noch mal an dieser Stelle @ Heidi!
Ein erster Blick hinein zeigt mir mal wieder, das ein Claudel sich nicht wiederholt. Dieses Buch ist total anders als seine vorherigen Bücher. Eine Sammlung von kleinen Geschichten für Kinder und Menschen, die sich ihr inneres Kind erhalten haben.
Ich denke heute bin ich noch durch und werde dann mehr berichten.
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Verfasst von Esther am Januar 10
Madeleine Bourdouxhes Erstling La Femme de Gilles wurde 1937 vom Verlag Gallimard veröffentlicht und wurde von der Pariser Kulturszene begeistert aufgenommen.

Leider verlöschte der Stern am Literaturhimmel, im Kreis von Simone de Beauvoir, Raymond Queneau und Jean-Paul Sartre, ebenso schnell wie er erschienen war. Madeleine Bourdouxhe geriet in Vergessenheit. Erst in den Achtziger Jahren wurde sie von der feministischen Literaturkritik in Belgien wiederentdeckt und neu verlegt. Der Autorin selbst war die Veröffentlichung ihrer Werke nie erste Priorität, das Schreiben an sich war ihr wichtig. Es war ein Bedürfnis, eine Art Therapie und Befreiung für sie. Ein Großteil ihres Werkes wird wohl niemals veröffentlicht werden, das ist mehr als schade, denn Madeleine Bourdouxhe ist eine der literarischen Entdeckungen der letzten Zeit ist für mich.
Protagonisten ihres Debutromans ist Elisa, sie ist Gilles` Frau. Sie ist es im wahrsten Sinne des Wortes mit Leib und Seele. Gilles ist der Fixstern um den sich alles dreht. Gilles und Elisa leben in einem Arbeiterviertel, in einem kleinen Häuschen. Er arbeitet in einer Fabrik, in seiner Freizeit bearbeitet er den kleinen Garten. Sie kümmert sich um den Haushalt und die Kinder. Die Idylle scheint perfekt, bis Gilles ein Verhältnis mit ihrer jüngeren, eiskalten Schwester Victorine beginnt. Die nach außen zwar stille, im Inneren jedoch sehr schlaue und auch emotionale Elisa, bemerkt es sehr schnell. Gilles verfällt Victorine, die wieder schwangere Elisa ist jedoch weiter seine Frau, was in diesem Fall wohl so etwas wie eine Mischung aus Mama und Kumpel darstellen soll. Trotz der unbeschreiblichen Qual in Ihrem Inneren bleibt Elisa besonnen und lässt ihre Emotionen nicht nach außen dringen. Die Angst ihren Mann zu verlieren ist allmächtig, auch über ihre eigene Schmerzgrenze hinweg. Sie leidet, kann sich aber niemandem anvertrauen. Auch bei der Beichte in der Kirche im Nachbardorf schenkt man ihr kaum Gehör, speist sie mit ein paar Bibelzitaten ab.
Als Gilles eines Tages seinen Kummer über die komplizierte Leidenschaft zu Victorine nicht mehr aushält, klagt er ausgerechnet Elisa sein Leid. Sie hört sich alles an, bemuttert und tröstet ihn. Sie sieht sich am Ziel Gilles für sich zurückzugewinnen, verstrickt sich allerdings damit in ihrem Unglück.
Ohne Gilles ist Elisa Nichts. Madeleine Bourdouxhes Werk ist eine eindringliche Warnung vor dem Selbstverlust und der Selbstaufgabe für einen anderen. Besonders für die Frauen der Zeit in der das Buch erschienen ist, ist dies eine enorm wichtige Botschaft. Allerdings denke ich, dass das Buch (leider) auch heute noch sehr aktuell ist. In vielem habe selbst ich mich, als Tochter einer Emanze, ertappt gefühlt. Oft vergisst man im Alltag mit der Familie sich selbst und seine Bedürfnisse, stellt sie hinten an, macht Kompromisse, wo eigentlich keine mehr möglich wären. Elisa ist innerlich nur von Liebe erfüllt, wie sie sagt, von Liebe für andere. Als diese Liebe ins Wanken gerät, gerät sie selbst ins Wanken und man kann sich denken, dass diese Geschichte kein Happy-End haben kann.
Madeleine Bourdouxhe ist eine außergewöhnlich gute Autorin, die ich sofort nach ein paar Zeilen in meine Herz geschlossen habe. Sie ist feinfühlig, intelligent und teils auch sehr hart und direkt, wenn es um die Übermittlung ihrer Botschaften geht. Sie führt den Leser mit einer verblüffenden Leichtigkeit und Selbstverständnis in die verborgensten Winkel der menschlichen Seele. Jedes Wort wird vom Leser mit Spannung förmlich absorbiert.
In Gilles Frau gibt es keine Traumwelten, nur den alltäglichen, normalen Wahnsinn. Ein Buch das etwas bewegt und wachrüttelt.
Ich würde dem an Madeleine Bourdouxhe interessierten Leser unbedingt dieses Buch als Einstiegswerk empfehlen. Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine ist dann eine schöne Ergänzung zum Leben der Autorin.
Wie gesagt eine tolle Autorin, eine wunderbare Entdeckung!!!
Meine Bewertung:
mit Extra +
Originaltitel: La Femme de Gilles
Übersetzt von Monika Schlitzer
erschienen 1937 bei Gallimard
beim Piper-Verlag 1996
ISBN: 3492042619
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Verfasst von Esther am Dezember 30
Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine
Nacht komm herbei, Stunde schlag!
Ich bleibe, fort geht Tag um Tag.
In diesem Gedicht von Appolinaire, mit dem das Buch von Madeleine Bourdouxhe auch beginnt, steckt bereits vieles von der Stimmung und dem Gefühl, welches einen beim Lesen dieses bemerkenswerten Stück Literatur überkommt.
Das Buch besteht aus zwei Erzählungen. Die erste, Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine, ist ein autobiographischer Text. Ein Liebeserklärung an die Mutterschaft und die Geburt und zugleich das Manifest einer selbstbewussten, mutigen Frau. Mitten im zweiten Weltkrieg 1940 bringt die Ich-Erzählerin ihre Tochter in Brüssel zur Welt. Gleich am nächsten Tag muss sie von dort vor den deutschen Besatzern nach Südfrankreich flüchten. Das faszinierende an der Geschichte ist hierbei, dass all die Angst und das Elend um die Erzählerin herum eher marginal ist. Das Glück und die Dankbarkeit, die sie für die Geburt ihrer kleinen Tochter empfindet überstrahlt alles. Diese allumfassende Dankbarkeit für das Leben und lässt sie dessen kleine Freuden extrem intensiv empfinden. Das persönlich glückliche Ereignis setzt sie einfach über die Grauen des Krieges und entlarvt somit den Krieg in seiner Sinnlosigkeit.
Auch die zweite Erzählung des Buches, Wenn der Morgen dämmert feiert den Mut einer jungen Frau, die für die Liebe zu einen ungerecht behandelten Fabrikarbeiter ungeahnte Kräfte in sich entdeckt. Diese zweite Erzählung ist sehr lyrisch, teils auch etwas surreal, aber dennoch sehr faszinierend.
In Madeleine Bourdouxhe habe ich eine so wundervolle, kunstvolle Autorin entdeckt, dass ich sagen kann, mein Lesejahr hat mit einem Knaller geendet. Die Sprache ist intensiv und berührend. Ich war sofort von der Intensität und der Art fasziniert wie Madeleine Bourdouxhe ihre eigenen unfassbaren Erlebnisse festgehalten hat. Das Buch ist einfach ein kleines, aber sehr gelungenes Kunstwerk!!
Es lohnt sich auf jeden Fall, diese Autorin zu entdecken. Eine schöne Bio findet man HIER !
Meine Bewertung:
++
Originaltitel: Sous le Pont Mirabeau
Übersetzung: Sabine Schwenk
ISBN: 3492041701
Piper Verlag 1999
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Verfasst von Esther am Dezember 27
Ein mystisches Schottland, zur Zeit der beiden Weltkriege, trifft auf die Geisterwelt.
Kurzbeschreibung:
Am Morgen von Eva McEwens Geburt versammeln sich sechs Elstern im Apfelbaum vor dem Fenster - kein gutes Omen, wie es in einer alten schottischen Legende heißt. Ihre Mutter stirbt noch in derselben Nacht, und Eva wächst bei ihrem herzkranken Vater und ihrer Tante in der kleinen schottischen Stadt Troon auf.
Schon als Kind wird Eva immer wieder von zwei Gestalten besucht, die nur sie sehen kann, einer silbrigen Frau und einem blauäugigen Mädchen. Sie helfen Eva beim Aufräumen und anderen kleinen Pflichten. Doch als Eva älter wird, sind die Absichten der Besucherinnen aus der anderen Welt nicht mehr so eindeutig: Wollen sie Eva schützen oder ihr Unglück bringen? Während des Zweiten Weltkriegs arbeitet Eva als Krankenschwester in Glasgow. Als sie sich jedoch in einen jungen Chirurgen verliebt, wird offenbar, dass ihre Begleiterinnen oft andere, eigene Zukunftspläne für sie haben …
Eva McEwens Leben ist geprägt vom zweiten Weltkrieg, der schnell auch Schottland hart trifft. Noch mehr jedoch beeinflussen geisterhafte Besucher das Leben der jungen Frau. Sie helfen und unterstützen Eva zwar, dennoch sind sie ein dunkles Geheimnis, das sie von frühester Kindheit wie eine Bürde mit sich herumträgt. Sie weiß, sie wird sich nie jemandem anvertrauen können, denn ihre Besucher würden dann gänzlich verschwinden, doch ohne die beiden Geister kann sie sich wiederum auch nicht vorstellen zu leben. Ein Kreislauf in dem sie ihr Leben lang gefangen sein wird. Der junge jüdische Arzt Sam in den sich Eva verliebt und den sie gerne heiraten möchte verändert sich sehr als er seinen Dienst als Arzt an der Front leistet. Eva möchte keineGeheimnisse in ihrer Ehe haben und versucht ihr Geheimnis mit Sam zu teilen - und stößt auch bei ihm auf Unverständnis. Die Beziehung scheint dies nicht zu überleben, Eva vereinsamt. Doch ihre Besucher stehen ihr wieder einmal in der größten Not zur Seite.
Die Beziehung zu den Geistern, die ihr oft näher stehen, als die realen Menschen in ihrem Umfeld beschreibt Margot Livesey sehr anrührend. Die Autorin hat mit Der Ruf der Elstern auch insgesamt ein sehr ruhiges, einfühlsames und stimmiges Buch geschrieben, das mich von Schreibstil her oft an Anne Tyler (Im Krieg und in der Liebe) erinnert hat. Auch hier spielt viel Alltägliches die Hauptrolle, auch wenn dieser Alltag etwas ungewöhnlicher ist. Allerdings hat mir bei Margot Liveseys Buch die leicht mystische Note, der Spannungsbogen und das Ziel der Geschichte, deren Auflösung wesentlich besser gefallen. Auch wenn man anfangs ein wenig hadert und zweifelt, denn Geistergeschichten können ja schnell ins Klischee abrutschen, überzeugt die Autorin mit ihrer schönen Sprache und ihren eindringlich geschilderten, schnörkellosen Figuren. Ein zauberhaftes Buch das man wirklich wunderbar, besonders in den kalten Jahreszeiten, gemütlich eingemummelt auf dem Sofa lesen kann, mit einem Ende, das einem einige Tränchen abringen wird. Eine zu unrecht unbekannte Autorin hierzulande.
Margot Livesey stammt aus Schottland. Sie hat Literatur und Philosophie studiert und mehrere Romane und Erzählingen veröffentlicht. Sie lehrt Literatur in Harvard und lebt in der Nähe von Boston.
Meine Bewertung:

Originaltitel: Eva moves the furniture
Übersetzt von Christine Strüh
ISBN: 3596153409
Fischer Taschenbuch Verlag 2004
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Verfasst von Esther am Dezember 13
Zacharias ist John La Galites einziger in Deutschland veröffentlichter Roman. Warum eigentlich ?…
Das fragt sich meine Wenigkeit seit ich das Buch gestern in einer Nachtschicht zu Ende gelesen habe. In Frankreich wurde doch “Zacharias” mit dem Grand Prix RTL/Lire ausgezeichnet und der Autor hat doch noch einige andere Bücher geschrieben. Ist er also nicht in die deutsche Literaturlandschaft einpflanzbar?
Ich habe das Buch als Remittende erworben, einfach auf gut Glück. Das Genre Thriller/Krimi sagt mir eigentlich wenig zu, allerdings ließ mich dieses Mal der ansprechende Klappentext eine Ausnahme machen und zu einem Werk aus diesem Genre greifen.
Die paranoide Welt der Vorstadt gespiegelt in den Augen eines sensiblen und intelligenten Jungen. Auf Augenhöhe mit Zacharias gerät die Jagd nach dem Mörder zu einem verstörenden und literarisch hochklassigen Vexierbild voller Abgründe und Unwägbarkeiten. Gnadenlos und mit einer ihm ganz eigenen Logik ermittelt Zacharias, dringt in das Leben seiner Nachbarn ein und kommt schließlich dem Mörder bedenklich nahe. Aber vielleicht weiß er längst mehr, als er dem Leser erzählt…
Das klingt doch schon mal toll und - was soll ich sagen? - das Buch ist sogar noch um einige Längen besser als es klingt. Es ist fantastisch! John La Galite hat mehr als einen Krimi geschrieben, Zacharias ist ein gefühlvolles, kunstvoll geschriebenes Psychogramm des kränklichen Jungen Zacharias und vor allem auch eines der Gesellschaft in der der Junge lebt. Diese Kulissen für die Kriminalgeschichte standen für mich fast im Vordergrund, denn sie sind so farbenfroh und lebensnah beschrieben, dass sie für sich schon brillieren. Hier alleine wurde ein hoher literarischer Standard erreicht - und wir reden noch nicht von der Geschichte an sich. Diese wurde, aus der Sicht von Zacharias geschrieben, ebenfalls gekonnt in einfachen Sätzen, sehr kindlich und authentisch verfasst. Ein spannender Plot, der bis zum Ende zu fesseln vermag. Eine Geschichte, die ungewöhnlich geschrieben ist und in der die Handlung oft springt, vieles offen lässt, aber zum Schluss die vielen Fäden doch zu einem grandiosen Finale zusammenfügt.
Viel mehr kann man über dieses Buch kaum verraten, ohne dem Leser die Spannung zu rauben, aber ich kann es von Herzen Freunden von ungewöhnlicher Literatur empfehlen. Für mich ein Lesehighlight 2007 ! Also liebe Verlage, warum eigentlich gibt es keine weiteren Veröffentlichungen in Deutschland? So mies ist der Büchergeschmack der Deutschen doch gar nicht….
Meine Bewertung :
++
Originaltitel: Zacharie
Übersetzung von Cornelia Hasting
Erscheinungsjahr: 2005
ISBN: 3203795043
Europa Verlag
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Verfasst von Esther am Dezember 6
Der japanische Schriftsteller Kenzaburō Ōe war 23 Jahre alt als er im Jahr 1958 seinen Debutroman Reißt die Knospen ab veröffentlichte.
“Ich wollte von der Angst der Kinder schreiben, ihrer Angst vor der Natur und ihrer Angst vor dem Krieg.” sagt Ōe selbst über sein Werk. Die Frage ist nun natürlich: Ist dem Literaturnobelpreisträger das auch gelungen ?
Die Handlung des Romans ist in Japan während des zweiten Weltkriegs angesiedelt. Die Schüler einer Besserungsanstalt werden aus einem gefährdeten Gebiet in ein abgelegenes Dorf in Sicherheit gebracht. Nach kurzer Zeit scheint jedoch in dem Bergdorf eine Seuche ausgebrochen zu sein, die Erwachsenen Bewohner fliehen und überlassen die Kinder ihrem Schicksal. Doch diese organisieren ihr Überleben, plündern die verlassenen Häuser und ergreifen quasi von dem Dorf Besitz.
Schüler einer Besserungsanstalt scheinen zu dieser Zeit in Japan weniger Wert als eine nervige Zecke gewesen zu sein. Ōe schildert die Erniedrigungen und Qualen die diese Kinder erdulden müssen. Immer wieder versuchen sie zu fliehen, werden jedoch stets von hasserfüllten Einheimischen gejagt und zurückgebracht. Es scheint, als würde auch außerhalb der Anstalt eine unsichtbare Mauer aus Hass die Kinder einschliessen. Als die Jungen dann von dem Leiter des Heims in das abgelegene Dorf gebracht werden, bekommen sie das besonders hart zu spüren. Sie müssen die widerlichste Arbeit verrichten, bekommen kaum zu essen und werden auch noch eingesperrt. Man fragt sich beim Lesen, warum hat man sich überhaupt die Mühe gemacht, die Kinder zu evakuieren? Die Umstände also sind die schlimmsten, die man sich denken kann und sie sind sehr plastisch geschildert. Übelkeit ist garantiert. Allerdings bleibt man doch als Leser außen vor, die Geschichte bleibt an ihrer grässlichen Oberfläche. Nur an einigen, seltenen Stellen werden Gedanken und Gefühle geschildert, kann man sich in die Figuren des Romans richtig hineinversetzen. Zum einen ist da die Geschichte mit dem geflohenen Soldat, zum anderen der kleine Bruder des Erzählers. Sie lassen uns Verletzungen durch das Grauen des Krieges und des Ungeheuers Mensch erahnen. Die Angst vor dem Krieg konnte man nur marginal entdecken, sie spielt, nach meinen Verständnis jedenfalls, keine größere Rolle. Die Angst vor der Natur? Auch sie schient mir nicht Hauptsache des Romans. Eher das Verhalten und Reaktionen von Menschen in extremen Situationen. Die Seuche scheint hier eine zentrale Rolle zu spielen, zeigt sie doch das wahre Gesicht der Bewohner. Auch die Stärke und der Überlebenswille der Kinder in diesem düsteren Tal wird anschaulich dargestellt.
Gescheitert ist der Lesegenuss bei diesem Buch an Kleinigkeiten, an der hundertfachen Beschreibung von Speichel in all seinen möglichen Konsistenzen und dem häufigen erwähnen von Penissen, Homosexualität und ähnlichem, die völlig deplatziert waren und auch kaum zu der Intention des Autors kindliche Angst darzustellen passten. Eher schien mir der Autor seine eigenen ersten sexuellen Erfahrungen einmal niederschreiben zu wollen. Mir jedoch war das unangenehm zu lesen. Auch Tierkadaver in allen Details zu schildern empfand ich als unnötig. Vieles war etwas zu abstossend, so das man es kaum an sich heran lassen wollte.
Alles in allem zwar ein Buch, das mir nicht gefallen hat, dem ich aber aufgrund der teils wirklich guten Schreibe, die man einfach anerkennen muss trotzdem diese Bewertung gebe:

ISBN: 3596144191
Übersetzt von Otto Putz
Fischer Taschenbuch Vlg.
221 Seiten
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Verfasst von Esther am November 19
Viel Gutes hatte ich von ihm gehört, von Eric-Emmanuel Schmitt. Es schien mir also quasi eine Bildungslücke zu sein, noch nichts von dem Autor gelesen zu haben. Was soll ich sagen? Da ist was dran!
Die Geschichte handelt von dem kleinen jüdischen Jungen Moses, der in Paris lebt. Seine Mutter hat ihn schon als Baby verlassen und sein geiziger Vater scheint ihn zu hassen. So empfindet es Moses. Meist ist der Junge auf sich selbst gestellt, er versorgt sogar eher seinen Vater mit. Jeden Tag geht er für das Essen bei Monsieur Ibrahims, dem Araber an der Ecke, einkaufen und meist sind es ein paar Dosen.
Irgendwann beginnt der Junge zu stehlen. Monsieur Ibrahim, der es längst bemerkt hat lässt ihn gewähren. Zwischen dem Händler und dem Jungen, den er liebevoll Momo nennt, entwickelt sich eine zarte Freundschaft. Jeden Tag nähern sich beide in kurzen Gesprächen einander an. Monsieur Ibrahim erzählt von seinem Koran, der ihm seine Ruhe und Weisheit schenkt, im Gegenzug erzählt Moses von seinem Leben und seinen Sorgen. Als Moses zerrüttete Welt ganz einzustürzen droht, ist Monsieur Ibrahim für Momo da, die beiden werden unzertrennlich.
Die Blumen des Koran ist ein kleines Büchlein, dennoch hat es sich sehr eingeprägt. Schmitt besitzt ein tolles Erzähltalent und einige Szenen werde ich wohl nie vergessen. Zack! Lächeln!
. Ein sehr gelungenes Buch mit ein paar Schwächen in der Story (gegen Ende), aber das sei sofort verziehen für die schönen Gedanken und Bilder die Schmitt mir dafür hinterlassen hat! Insgesamt ein wirklich schönes Werk!
Meine Bewertung:

ISBN: 3596161177
Übersetzt von Annette Bäcker, Paul Bäcker
Originaltitel: Monsieur Ibrahim et les fleurs du Coran
Fischer Taschenbuch Vlg.
Oktober 2004 - gebunden - 100 Seiten
'Fischer Taschenbücher Allgemeine Reihe'.
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Verfasst von Esther am November 9
Irène Némirovsky, 1942, im Alter von 39 Jahren in Auschwitz ermordet, ist eine der literarischen Wiederentdeckungen der letzten Jahre. Ihr autobiographisch gefärbter Roman “Die Hunde und die Wölfe” ist nun 2007 beim Knaus-Verlag erschienen.
Ada Sinner und ihr Cousin Ben, zwei Kinder in Kiew, werden zusammen in ärmlichen Verhältnissen und in der Welt des osteuropäischen Judentums, groß. Schon sehr früh verliebt sich Ada in den reichen und dadurch unerreichbaren und Harry Sinner, einen entfernten Verwandten, der wie aus einer anderen Welt erscheint. Nach einer schlimmen Pogromnacht, die Ada und Ben knapp überleben, flüchten beide verzweifelt zu den reichen Verwandten. Adas Liebe zu Harry entfacht sich dort neu, während Harry ihr gegenüber eher ablehnend ist. Als die Pogrome in Kiew immer schlimmer werden, zieht Adas Familie nach Paris. Auch Harrys Familie flüchtet dort hin. Hier treffen die beiden in den 20er Jahren wieder aufeinander. Die beiden finden zwar zueinander, doch wird es für das ungleiche Paar glücklich ausgehen?
Obwohl sich Ben und Harry äußerlich sehr ähneln, Brüder sein könnten, sind sie so unterschiedlich wie es nur sein kann. Ben, der durch das Leben hart gewordene Opportunist, der sein spartanisches, eigenwilliges Leben lebt; und Harry, der verwöhnte, bemutterte und reiche Spross einer angesehenen Familie. Eben wie auch Hund und Wolf sich ähnlich, aber dennoch in verschiedenen Welten leben. Beide verbindet die innige Liebe zu Ada, aber Dreiecksbeziehungen haben ja bekanntlich nicht die besten Vorzeichen. Glücklich ist keiner der drei Protagonisten in Némirovskys Roman. Ihre Herkunft, widrige Zeiten, Klassenunterschiede und Schicksalsschläge stehen allen dreien im Weg.
Irène vermittelt in “Die Hunde und die Wölfe” sehr anschauliche und authentische Einblicke in das jüdische Leben am Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie beschreibt in poetischer und zugleich bodenständiger Weise und lässt den Leser in ihren leichten, melancholischen Beschreibungen schwelgen, entführt ihn in eine Welt, deren Widrigkeiten wir heute nur noch erahnen können. Schade nur, dass keiner der Protagonisten es schafft diesen Widrigkeiten zu trotzen. Das hätte dem Roman in meinen Augen sehr gut getan. So lernen wir als Leser dieses Buch, dass man gewisse Kröten im Leben einfach schlucken muss, oft machtlos ist, aber dennoch nach vorne blicken und sich mit seinem Leben aussöhnen muss.
Meine Bewertung:

ISBN: 381350283X
Übersetzt von Eva Moldenhauer
Knaus Albrecht August 2007 - gebunden - 256 Seiten
Originaltitel: Les chiens et les loups.
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