Kenzaburō Ōe - Reißt die Knospen ab
Verfasst von Esther am Dezember 6
Der japanische Schriftsteller Kenzaburō Ōe war 23 Jahre alt als er im Jahr 1958 seinen Debutroman Reißt die Knospen ab veröffentlichte.
“Ich wollte von der Angst der Kinder schreiben, ihrer Angst vor der Natur und ihrer Angst vor dem Krieg.” sagt Ōe selbst über sein Werk. Die Frage ist nun natürlich: Ist dem Literaturnobelpreisträger das auch gelungen ?
Die Handlung des Romans ist in Japan während des zweiten Weltkriegs angesiedelt. Die Schüler einer Besserungsanstalt werden aus einem gefährdeten Gebiet in ein abgelegenes Dorf in Sicherheit gebracht. Nach kurzer Zeit scheint jedoch in dem Bergdorf eine Seuche ausgebrochen zu sein, die Erwachsenen Bewohner fliehen und überlassen die Kinder ihrem Schicksal. Doch diese organisieren ihr Überleben, plündern die verlassenen Häuser und ergreifen quasi von dem Dorf Besitz.
Schüler einer Besserungsanstalt scheinen zu dieser Zeit in Japan weniger Wert als eine nervige Zecke gewesen zu sein. Ōe schildert die Erniedrigungen und Qualen die diese Kinder erdulden müssen. Immer wieder versuchen sie zu fliehen, werden jedoch stets von hasserfüllten Einheimischen gejagt und zurückgebracht. Es scheint, als würde auch außerhalb der Anstalt eine unsichtbare Mauer aus Hass die Kinder einschliessen. Als die Jungen dann von dem Leiter des Heims in das abgelegene Dorf gebracht werden, bekommen sie das besonders hart zu spüren. Sie müssen die widerlichste Arbeit verrichten, bekommen kaum zu essen und werden auch noch eingesperrt. Man fragt sich beim Lesen, warum hat man sich überhaupt die Mühe gemacht, die Kinder zu evakuieren? Die Umstände also sind die schlimmsten, die man sich denken kann und sie sind sehr plastisch geschildert. Übelkeit ist garantiert. Allerdings bleibt man doch als Leser außen vor, die Geschichte bleibt an ihrer grässlichen Oberfläche. Nur an einigen, seltenen Stellen werden Gedanken und Gefühle geschildert, kann man sich in die Figuren des Romans richtig hineinversetzen. Zum einen ist da die Geschichte mit dem geflohenen Soldat, zum anderen der kleine Bruder des Erzählers. Sie lassen uns Verletzungen durch das Grauen des Krieges und des Ungeheuers Mensch erahnen. Die Angst vor dem Krieg konnte man nur marginal entdecken, sie spielt, nach meinen Verständnis jedenfalls, keine größere Rolle. Die Angst vor der Natur? Auch sie schient mir nicht Hauptsache des Romans. Eher das Verhalten und Reaktionen von Menschen in extremen Situationen. Die Seuche scheint hier eine zentrale Rolle zu spielen, zeigt sie doch das wahre Gesicht der Bewohner. Auch die Stärke und der Überlebenswille der Kinder in diesem düsteren Tal wird anschaulich dargestellt.
Gescheitert ist der Lesegenuss bei diesem Buch an Kleinigkeiten, an der hundertfachen Beschreibung von Speichel in all seinen möglichen Konsistenzen und dem häufigen erwähnen von Penissen, Homosexualität und ähnlichem, die völlig deplatziert waren und auch kaum zu der Intention des Autors kindliche Angst darzustellen passten. Eher schien mir der Autor seine eigenen ersten sexuellen Erfahrungen einmal niederschreiben zu wollen. Mir jedoch war das unangenehm zu lesen. Auch Tierkadaver in allen Details zu schildern empfand ich als unnötig. Vieles war etwas zu abstossend, so das man es kaum an sich heran lassen wollte.
Alles in allem zwar ein Buch, das mir nicht gefallen hat, dem ich aber aufgrund der teils wirklich guten Schreibe, die man einfach anerkennen muss trotzdem diese Bewertung gebe:
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ISBN: 3596144191
Übersetzt von Otto Putz
Fischer Taschenbuch Vlg.
221 Seiten
Veröffentlicht in Aus aller Welt, Belletristik allgemein, Rezensionen | 3 Kommentare »

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