SALOMES BÜCHER

Leben und Lesen gegen den Strom

Archiv für 'Lyrik' Kategorie


Rilke

Verfasst von Esther am Dezember 3

Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge
und keine Heimat haben in der Zeit.
Und das sind Wünsche: leise Dialoge
täglicher Stunden mit der Ewigkeit.

Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern
die einsamste Stunde steigt,
die, anders lächelnd als die andern Schwestern,
dem Ewigen entgegenschweigt.

Ach seufz, wie schön! Mein lieber Rilke…

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Der Mensch

Verfasst von Esther am Oktober 22

Empfangen und genähret
Vom Weibe wunderbar,
Kömmt er und sieht und höret
Und nimmt des Trugs nicht wahr;
Gelüstet und begehret
Und bringt sein Tränlein dar;
Verachtet und verehret,
Hat Freude und Gefahr;
Glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
Hält nichts und alles wahr;
Erbauet und zerstöret
Und quält sich immerdar;
Schläft wachet, wächst und zehret;
Trägt braun und graues Haar.
Und alles dieses währet,
Wenns hoch kommt achtzig Jahr.
Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder,
Und er kömmt nimmer wieder

Matthias Claudius (1740-1815)

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Der Floh

Verfasst von Esther am September 27

Grausam die Flöhe und die Freundinnen, die nur zur Liebe taugen,
Da sie das Blut aus meinen Adern saugen.
Wie grausam sind sie, Liebende und Flöhe, beide,
Ich werde sehr geliebt also: ich leide.

Wer errät von wem das ist?

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Ich saß auf einem Steine

Verfasst von Esther am September 8

Ich saß auf einem Steine:
Da deckt ich Bein mit Beine,
Darauf der Ellenbogen stand;
Es schmiegte sich in meine Hand
Das Kinn und eine Wange.
Da dacht ich sorglich lange
Dem Weltlauf nach und irdschem Heil;
Doch wurde mir kein Rat zuteil,
Wie man drei Dinge erwürbe,
Daß keins davon verdürbe.
Die zwei sind Ehr und zeitlich Gut,
Das oft einander schaden tut,
Das dritte Gottes Segen,
An dem ist mir gelegen:
Die hätt ich gern in einem Schrein.
Ja leider mag es nimmer sein,
Daß Gottes Gnade Kehre
Mit Reichtum und mit Ehre
Je wieder in dasselbe Herz.
Sie finden Hemmung allerwärts:
Untreu hält Hof und Leute,
Gewalt fährt aus auf Beute,
So Fried als Recht sind todeswund:
Die Dreie haben kein Geleit, die zwei denn werden erst gesund.

Walter von der Vogelweide (* um 1170, † um 1230 )

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Drinnen im Strauß

Verfasst von Esther am August 31

Der Abendhimmel leuchtet wie ein Blumenstrauß,
Wie rosige Wicken und rosa Klee sehen die Wolken aus,
Den Strauß umschließen die grünen Bäume und Wiesen.
Und leicht schwebt über der goldenen Helle,
Des Mondes Sichel wie eine silberne Libelle.
Die Menschen aber gehen versunken tief drinnen im Strauß,
Wie Käfer trunken und finden nicht mehr heraus.

 

Dieses wundervolle Gedicht stammt von Max Dauthendey

(* 25. Juli 1867 in Würzburg; † 29. August 1918 in Malang auf Java)

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Sommerlied

Verfasst von Esther am August 22

wir sind die menschen auf den wiesen
bald sind wir die menschen unter den wiesen
und werden wiesen, und werden wald
das wird ein heiterer landaufenthalt

Ernst Jandl

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Memento

Verfasst von Esther am August 13

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

 

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und laß mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

 

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
- Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muß man leben.

Mascha Kaléko (1907-1975)

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Die Wissenskrankheit

Verfasst von Esther am August 8

Wissen, nichts zu wissen, ist das Höchste.
Ohne Wissen wissen, Leiden ists.
Nur wenn Du am Leiden leidest,
Wirst Du von den Leiden frei.
Wenn der Reine frei von Leiden,
Ists weil er am Leiden leidet:
So wird er vom Leiden frei.

Lau-Dsi, 4. - 3. JH. v. Chr

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Beginn des Endes

Verfasst von Esther am Juli 12

Beginn des Endes

Ein Punkt nur ist es, kaum ein Schmerz,
Nur ein Gefühl, empfunden eben;
Und dennoch spricht es stets darein,
Und dennoch stört es dich zu leben.

Wenn du es andern klagen willst,
So kannst du’s nicht in Worte fassen.
Du sagst dir selber: “Es ist nichts!”
Und dennoch will es dich nicht lassen.

So seltsam fremd wird dir die Welt,
Und leis verläßt dich alles Hoffen,
Bis du es endlich, endlich weißt,
Daß dich des Todes Pfeil getroffen.


Dieses schöne Gedicht von Theodor Storm war heute in meiner Lyrikmail.

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100 Jahre Mascha Kaleko

Verfasst von Esther am Juni 6

 

Kurzer Dialog

Du und ich, lieber Gott,
wir beide wissen es,
Daß deine Welt noch lange nicht
Fertig war, als der siebente Tag
Anbrach.

 

Du hattest dich dazumal
Darauf verlassen,
Daß deine Geschöpfe
Gehilfen dir würden.
O weh.

 

Leiden läutern uns nicht,
Und durch Schaden wird man nicht klug.
Nur gerissen.
- Herr, du gabst uns die Welt, wie sie ist.
Gib uns doch bitte dazu
Das seinerzeit leider
Nicht mitgelieferte
Weltgewissen!

Quelle: phil-fak.uni-duesseldorf

Eine Ausnahmelyrikerin par excellence hätte am 07.06.2007 ihren 100. Geburtstag gefeiert… Herzlichen Glückwunsch, Mascha Kaleko !
Eine Frau mit einem bewegten Leben und einem Lebenswerk, das jede Ehrung mehr als verdient.
Stets stand sie für die Öffentlichkeit - zu unrecht- im Schatten ihrer großen Weggefährten Erich Kästner, Kurt Tucholsky oder Joachim Ringelnatz.
Mir persönlich sind ihre Gedichte ständige Wegbegleiter und sie ist mir näher gekommen, als andere Lyriker es je vermocht hätten. Daher möchte ich dieser Stelle und zu diesem besonderen Anlass Mascha Kaleko meinen geschätzen Bloglesern und dem Rest der Welt noch einmal in Erinnerung rufen, beziehungsweise sie vorstellen.

Mascha Kaléko, geboren als Golda Malka Aufen, am 07.06.1907 , in Chrzanów (Schidlow), Galizien (heute Polen) ist das unehelich geborene Kind des deutschstämmigen russischen Fischel Engel und seiner späteren jüdischen Ehefrau Rozalia Chaja Reisel Aufen.
Wegen den fortschreitenden Pogromen an den Juden, flieht sie mit ihren Eltern 1914 nach Marburg, später zieht die Familie dann nach Berlin, wo sie mit 16 eine Bürolehre beginnt, Abendkurse in Philosophie und Psychologie belegt. Zu dieser Zeit liest sie viel und schreibt auch ihre ersten Gedichte. Sie verkehrt im Romanischen Café und findet dort Anschluss an die literarische Boheme. So lernt sie u. a. Else Lasker-Schüler, Erich Kästner, Kurt Tucholsky und Joachim Ringelnatz kennen. 1929 erscheinen ihre ersten Gedichte, die im heiter-melancholischen Ton die Lebenswelt der kleinen Leute und die Atmosphäre im Berlin ihrer Zeit widerspiegeln; ihr genauer Blick auf das Leben der Großstadtmenschen, auf die Umstände, aber auch auf ihr Hoffen, Bangen und Denken – besonders auch auf die Arbeitsbedingungen junger Mädchen –, auf den alltäglichen Umgang mit der Moderne, und ihre poetische Umsetzung all dessen in lockere Reime und klare Worte treffen das Lebensgefühl ihrer Epoche.
Obwohl das erfolgreich verkaufte Stenogrammheft, im Januar erschienen, bereits im Mai den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen zum Opfer fällt, gibt Rowohlt 1935 eine zweite Auflage heraus. Außerdem erscheint in dieser Zeit Das kleine Lesebuch für Große.
Mit ihm und dem gemeinsamen Sohn Evjatar (später Steven) emigriert sie 1938 in die USA.
Dort schreibt die Werbetexte und Kindergedichte.
Nach dem Krieg findet sie in Deutschland wieder ein Lesepublikum. 1960 will man ihr den Fontane-Preis verleihen; sie lehnt diesen jedoch wegen eines ehemaligen SS-Mitglieds in der Jury ab. Im selben Jahr wandert sie Ihrem Mann zuliebe mit ihm nach Israel aus. Dort leidet sie sehr unter der sprachlichen und kulturellen Isolation und lebt enttäuscht und einsam.
Völlig unerwartet stirbt ihr musikalisch hochbegabter Sohn 1968 in New York. Als auch ihr Mann 1973 stirbt, findet sie noch im letzten Lebensjahr wieder Kraft zu schreiben. Sie stirbt 1975 – nur 14 Monate nach ihrem Mann – in Zürich an Magenkrebs.

Ihre Werke: (Quelle Wikipedia)

  • Das Lyrische Stenogrammheft. Verse vom Alltag (1933, Reprint 1956)
  • Das kleine Lesebuch für Große. Gereimtes und Ungereimtes, Verse (1934)
  • Verse für Zeitgenossen (1945)
  • Emigranten-Monolog (1945)
  • Der Papagei, die Mamagei und andere komische Tiere (1961)
  • Verse in Dur und Moll (1967)
  • Das himmelgraue Poesiealbum der M.K. (196 8)
  • Wie’s auf dem Mond zugeht (1971)
  • Hat alles seine zwei Schattenseiten (1973)

postum:

  • Feine Pflänzchen. Rosen, Tulpen, Nelken und nahrhaftere Gewächse (1976)
  • Der Gott der kleinen Webfehler (1977)
  • In meinen Träumen läutet es Sturm. Gedichte und Epigramme aus dem Nachlaß. (1977)
  • Horoskop gefällig? (1979)
  • Heute ist morgen schon gestern (1980)
  • Tag und Nacht Notizen (1981)
  • Ich bin von anno dazumal (1984)
  • Der Stern, auf dem wir leben (1984)
  • Mein Lied geht weiter (2007)

Ich kann an dieser Stelle nur nochmals nachhaltig dem an Lyrik interessierten (Blog-) Leser zur Lektüre dieser wundervollen Worte raten…

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