Lesetagebuch “Die Wohlgesinnten” von Jonathan Littell – Teil 6
Verfasst von Esther am März 31
Seite 600
Das Buch hat sich, wie ich es erwartet habe, um 180 Grad gedreht. Von der “langweiligen” Verwaltung der eroberten Gebiete im Kaukasus strafversetzt, steht der Offizier Aue nun in Stalingrad , lustiger Weise einiger vernünftiger Grundsätze und Überzeugungen wegen. Das Buch liest sich jetzt wie ein Krimi, jede Seite ist spannend und faszinierend, voller Bilder und inspirierender Gedanken und vor allem voller Horror. Spielt hier auch ein wenig Voyeurismus mit ? Das ist möglich. Ich sehe hin, verschlinge die grausamen Bilder und hoffe, dass sich mir der Sinn und Zweck solch eines Grauens endlich offenbart.
Ich gestehe auch, es hat mit am Anfang ein wenig Schadenfreude bereitet Aue in Stalingrader Kessel zu sehen. Allerdings hat sich das sehr schnell gegeben. Bislang war Aue oft weit entfernt vom Leser, ein fast langweiliger Intellektueller, ein höherer Beamter, ein Kopfmensch, zugegeben mit einigen dunklen Geheimnissen und einer zwielichtigen Vergangenheit. Nun sieht man ihn auf ein Minimum von Menschsein reduziert, seine Schale des Scheins platzt auf. In seinem Elend kommt man ihm näher und er wird greifbar. Aues Stalingrad erlebt man beim Lesen sehr nah, oft fast zu nah. Littell schont seine Leser nicht. Er zwingt sie quasi genau hinzusehen, es tut teilweise einfach nur noch weh.
Aues düstere Vergangenheit lichtet sich zusehends.
Littell, so viel kann ich jetzt schon sagen, ist ein absolut meisterhafter Autor.

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diefrogg sagte
Liebe Esther, bitte erlaube mir eine Frage: Warum hast Du dieses Buch gelesen? Ich meine: Es ist zwar aktuell und im Gespräch, aber doch auch harte Kost und sehr umstritten.
Christine sagte
Ich bewundere Deine Ausdauer und Dein Durchhaltevermögen! Wie es scheint, hat es sich doch gelohnt!
Esther sagte
@ diefrogg:
Hallöle,
Mal eine Gegenfrage: Findest Du man sollte nur Dinge lesen, die märchenhaft, lustig, romantisch etc. sind?
Auf das Buch bin ich durch den Prix Goncourt aufmerksam geworden. Die Bücher, die dort ausgezeichnet werden entsprechen sehr oft meinem Lesegeschmack. Ob ein Buch umstritten ist oder nicht, ist mir total egal. Ich bilde mir meine eigene Meinung und die ist trotz der Härte des Stoffs positiv. Das Buch kann aufrütteln, es lässt einen diverse moralische Grundsätze hinterfragen, die auch heute noch oft anzutreffen sind, und ruft ins Gedächtnis, was in diesem Land vor nicht allzu langer Zeit passiert ist.
@ Christine:
Ich bin ja noch nicht durch, aber bis jetzt ist es schon sehr beeindruckend!
diefrogg sagte
Liebe Esther
Bitte entschuldige, die Frage war nicht als Angriff gemeint. Ich habe sie deshalb gestellt, weil ich auch darüber nachdenke das Buch zu lesen. Ich habe viel darüber gehört und gelesen. Ich werde es wahrscheinlich lesen, weil es mir eine Reihe von Fragen beantworten soll. Zum Beispiel: Wie tickten diese Täter damals? Was brachte sie dazu, die Ungeheuerlichkeiten zu begehen, die sie begangen haben. Ich will das Scheusal, das in diesem Buch beschrieben wird, nicht mögen. Aber ich will nachvollziehen, wovon es getrieben wurde. Wird mir das Buch diese Fragen beantworten? Herzlichen Gruss und gute Lektüre! diefrogg
Esther sagte
Hallo Diefrogg,
Ich habe mich auch nicht angegriffen gefühlt. Kam das bei Dir so an? Vielleicht ist mein Ton etwas barsch ob einiger merkwürdiger Kommentare in letzter Zeit? Dann bitte ich das zu entschuldigen!
Ich denke der Beantwortung von Dir gestellten Fragen kommt man in dem Buch schon sehr nahe. Littell schreibt sehr authentisch und auf den Punkt. Ich kann Dir das Buch (bis dato) wirklich empfehlen.
LG
Esther
diefrogg sagte
Vielen Dank. Ich werde dran denken, wenn ich das nächste Mal in der Buchhandlung vor dem Buch stehe und zögere