Lesetagebuch “Die Wohlgesinnten” von Jonathan Littell – Teil 4
Verfasst von Esther am März 14
Seite 350
Habe nach einer kurzen Pause nun weitergelesen und hatte gleich dann auch die erste Länge im Buch. Ich bin ja eher eine Freundin kurzer, präziser Aussagen und Littell verliert sich allzu gerne in ellenlangen Beschreibungen von Landschaft, Diensthierarchie, Gesprächen mit Kameraden, Treffen mit Einheimischen, Reisen etc. etc. Aber ich lasse mich von Littells trügerischer, einlullernder Ruhe nicht täuschen…
In dieser Länge nun war auch ein Gespräch, zwischen den beiden Intellektuellen Aue und seinem Vorgesetzten Voss, einem Sprachwissenschaftler in Friedenszeiten, in dem Voss ein 6-7 Seiten langes Referat über die russischen Sprachen hält (eigentlich nicht in dem Sinne russisch, denn es sind ja tausende von Dialekten). Ich gestehe ich habe es überblättert! Wenn ich Sprachgeschichte studieren will geh ich lieber an die Uni, oder kauf mir ein Sachbuch, aber solch ein Exkurs in einem Roman ist ermüdend.
Ein Highlight wiederum ist ein Gespräch zwischen Ohlendorf und Aue in dem es um den Sinn und Zweck der Judenvernichtung geht. Beide sind gegen die sinnlose Ermordung von Juden, sehen in ihr keinen Sinn, obschon beide überzeugte Nationalsozialisten sind. Ohlendorf plädiert für eine Abschiebung der Juden in ein Reservat, wo diese in Frieden leben könnten – im Gespräch hierfür waren Madagaskar (der Plan scheiterte aber an den Engländern, die ihre Flotte hierfür nicht zur Verfügung stellen wollten) oder Sibirien. Allerdings sind die anfänglichen Überlegungen der Nazis die Juden umzusiedeln nicht nur an den Nazis selbst gescheitert, sondern niemand sonst wollte Millionen von Juden in seinem Territorium gerne haben. (Hier sieht man wieder sehr schön, wie weit der Begriff Schuld sich ausdehnen lässt, oder auch wie wenig greifbar er ist). In der Realität wird nicht jeder SS-Mann von diesen Aktionen der Vernichtung begeistert gewesen sein, auch wenn sie im Zweifelsfall dann doch mitgewirkt haben, davon bin ich überzeugt. Sie hielten es für notwendig um Saboteure im Vorhinein zu eliminieren und so vermeintlichen Schaden von der deutschen Armee abzuwenden. Sicher auch weil man es dem Fußvolk auch so verkauft hat.

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