Lesetagebuch “Die Wohlgesinnten” von Jonathan Littell – Teil 2
Verfasst von Esther am März 7
gelesen bis Seite 200
Im Moment bin ich doch arg betroffen und geknickt. Gestern sind mir die Tränen beim Lesen einfach nur so gekullert. Schrecklich! Und wenn ich das jetzt noch mal so Revue passieren lasse, könnte ich gleich schon wieder heulen. Ich weiß auch nicht, ob ich das jetzt so wiedergeben kann.
Es geht um eine der kleinen Nebengeschichten. Was könnte es für eine Mutter von zwei Kinder schlimmeres geben als ermordete Kinder?
Die SS folgt der immer tiefer ins russische Land vorstoßenden Wehrmacht. Sie säubert die eroberten Gebiete von Juden, Bolschewiken, Zigeunern… Inzwischen wurde Befehl erlassen auch die Frauen und Kinder zu erschießen. Ich hatte keine rechte Ahnung, dass bei diesen Aktionen der SS bis zu 50 000 Menschen in Fließbandarbeit erschossen wurden und nach Sardinenpackungs – Prinzip ordentlich gestapelt in Massengräbern ihr Ende fanden. Allerdings sagen ja solche Zahlen ja auch nur dem Kopf etwas, den Emotionen dagegen recht wenig. Ein Einzelschicksal jedoch kann einen umhauen. Wie eben eine kleine Szene mit einem Mädchen, das mit ansehen muss wie seine Mutter erschossen in der Grube liegt und sich verzweifelt an Offizier Aue wendet. Mit dem Finger zeigt sie auf ihre Mutter und weint. Aue ist berührt, den Tränen nahe nimmt er sie in die Arme, gibt sie dem für die Erschiessungen zuständigen SS-Mann und bittet diesen sanft zu ihr zu sein. Sie wird erschossen. Das hat mich wirklich fertig gemacht, das Bild ging mir nicht aus dem Kopf, ich konnte kaum einschlafen.
Ich habe ein wenig Angst vor dem, was noch auf mich wartet.
Max Aue ist ein sonderbarer Charakter, er denkt, er erkennt und kann sich doch nicht von dem Unrecht abwenden. Warum nicht? Will er nur seine Karriere vorantreiben? Nein, er könnte einfach zurück nach Berlin fahren und eine nette Stelle dort antreten. An potenziellen Henkern mangelt es nicht in der SS.
Er möchte nach eigenen Aussagen seine Belastbarkeit und seine Grenzen erfahren. Wieviel kann er ertragen. Er beobachtet sich selbst, 24 Stunden, wie mit einer Kamera, die permanent auf ihn gerichtet ist.
Wir werden sehen, ob und wann der Mann an seine Grenzen gelangt.

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tinius sagte
Ich hatte gedacht / gehofft, daß die Szenen der Verbrechen anrühren, schockieren und nachdenklich machen könnten – neben allen sonstigen Einwänden, die sonst gegen das Buch aufgeführt wurden. Ich selbst werde noch im März damit beginnen. Emotional mitgenommen hat mich eigentlich bislang nur ein Buch, das die Naziverbrechen literarisch verarbeitet hat (sonst schwankte ich eher zwischen Interesse und Empörung – darüber, wozu Menschen in der Lage sind, wenn sie nur wirklich wollen): “Nacht” von Hilsenrath. Das ist sozusagen direkt ins Blut gegangen. LG tinius
Heidi Hof sagte
Au backe, das scheint ja hart zu sein! Ob ich das lesen werde? Momentan nicht!
Christine sagte
Ich verfolge auch mit Interesse dein Lesetagebuch. Mein Mann liest das Buch gerade, ich werde es wohl auch in absehbarer Zeit in Angriff nehmen. Es scheint aber wirklich sehr starker Tobak zu sein.
nullmeridian sagte
So weiter lese ich dein Tagebuch jetzt erstmal nicht. Bin selbst erst auf Seite 110, daher will ich erstmal selbst soweit sein.
Was du beschreibt ist genau das erschreckende an dem Charakter Max Aue. Littell schafft er sehr geschickt immer wieder ein wenig Sympathie für in zu wecken. Mich selbst schockieren vor allem Situationen in denen so ganz nebenbei über die schlimmsten Verbrechen gesprochen wird. Wie Thomas Aue auffordert mit an die Ostfront zu kommen und zu ihm sagt: Das wird bestimmt lustig!
nullmeridian sagte
Bis an die Stelle hatte ich gestern auch weitergelesen. Schrecklich was da passiert. Aber noch verstörender als die Darstellung der grausamen Fakten finde ich Aues perverse Gedanken. So habe ich Die Wohlgesinnten heute erstmal beiseite gelassen und mich quasi auf “Sekundärliteratur” gestürzt. Angefangen mit Michael Burleighs Die Zeit des Nationalsozialismus.
nullmeridian sagte
hmm, das mit dem Link hat wohl nicht geklappt, und mein darauf folgender Text wurde abgeschnitten.
Esther sagte
Der Linkcode war falsch, ich habe ihn geändert. Es funzt jetzt!
Es ist schon wirklich harter Tobak dieses Buch und es ist daher auch keine Schande andere Bücher nebenbei zu lesen.
Aue ist ein schwer einzuordnender Charakter, teils kann ich mich sehr gut in ihn hineinversetzen, dann wieder scheint er mir wie ein Monster… Allerdings finde ich die allgemeinen Umstände des Krieges auch sehr grausam und schlimm.
nullmeridian sagte
Ja das ist wahr! Das nimmt beim Lesen sehr mit. Allerdings verstehe ich nicht so recht, wieso das Buch derart verrissen wurde, als reine Pornographie beschimpft wurde. Ist es denn pornographischer tatsächlich geschehene Verbrechen in all ihrer Grausamkeit darzustellen? Soweit ich bis jetzt nebenher gelesen habe, und wie es ja auch in einigen Rezensionen gesagt wurde, stimmen diese hiistorischen Fakten sehr gut. Ich werde in den nächsten Tagen auch mal wieder einen Beitrag dazu bloggen. Bin nur momentan ohne Internet, da komme ich dann weniger dazu.
Es wird soviel grausames in Romanen und vor allem auch Filmen gezeigt. Wieso sollen dann historische Fakten pornographischer sein als rein fiktive Storys, wo es ja offensichtlich nur darum geht mit möglichst krassen Geschichten zu fesseln. Ist es daher nicht gerade umgekehrt?
Ich glaube Die Wohlgesinnten, gerade bei dem was es den Lesern abfordert, kann sehr wohl dazu beitragen, dass man sich nocheinmal ernsthaft mit den schrecklichen Verbrechen der Nazis auseinandersetzt.
Ein anderer Kritikpunkt war ja, dass Aue eine völlig unrealistische Charakterdarstellung ist, dass es einen SS-Offizier wie ihn nicht gab. Sicherlich, es gab ihn nicht, das ist auch gar nicht die Frage, da er eben eine erdachte fiktive Person eines Romans ist. Ob es allerings keinen wie ihn gegeben haben kann, weiß ich viel weniger! Der Normalfall ist er ganz bestimmt nicht. Naja, ich werde mich erstmal noch etwas mehr Goldhagens Buch befassen müssen, um mir darüber eine ernsthafte Meinung zu bilden.
tom sagte
Nein, dieses Buch ist wohl nicht pronographischer oder grausamer als vieles, was man so auf dem Markt findet. Doch was das Reagieren unmerklich beeinflussen mag ist, dass hier hinter der Fiktion das Wahre und die Realität erahnt wird, die vielleicht wie ein Vorwurf, etwas Unerträgliches erfahren wird. Wer will sich mit diesen Schatten des Menschseins schon gerne auseinandersetzen???