SALOMES BÜCHER

Leben und Lesen gegen den Strom

Lesetagebuch “Die Wohlgesinnten” von Jonathan Littell – Teil 1

Verfasst von Esther am März 6

Das wird wohl ein längeres Projekt. Ich werde mit Sicherheit während der Gesamtzeit der Lektüre Pausen einlegen müssen, um etwas anderes lesen. Daher meine Idee ein Lesetagebuch zum Buch zu führen.
Ich habe jetzt 150 Seiten gelesen.
Der Stoff ist einer der härtesten, die ich je gelesen habe, literarisch sehr anspruchsvoll und rein inhaltlich der blanke Wahnsinn.
Nach der Einführung, in der SS-Offizier Aue sich selbst vorstellt und man einen recht “normalen” (ja vielleicht manchmal fast sympathischen) Menschen kennenlernt, folgt eine genaue Beschreibung des Aufbaus des SS-Staats. Das ist streckenweise sehr anstrengend zu lesen, mit diesen ganzen Termini wie AOK, SD, OUN, Dulag etc. etc. muss man sich erstmal vertraut machen. Schließlich folgt der normale Alltag der SS. Hier gibt es allerlei Schlafraubendes: Erschießungen, Misshandlungen, das volle Programm. Das Schockierende ist allerdings bis dato für mich nicht die Vernichtung von Menschenleben an sich, sondern der Umgang der SS (und auch Wehrmacht) mit diesen Dingen. Dieses Beamtentum, diese Obrigkeitshörigkeit, die Systematik. Man ist mittendrin und total involviert, ein scheußliches Gefühl, aber auch sehr heilsam.

Ein böser Gedanke, der mir hierzu immer wieder kommt: Das Beamtentum , die Obrigkeitsverliebtheit und der Verwaltungsapparat in Deutschland haben sich wenig verändert. Sicher, es wird nicht mehr erschossen und systematisch vernichtet (weil es jetzt verboten ist), aber über Leichen gehen die auch heute noch, wenn es in den Vorschriften so geschrieben steht….

15 Antworten zu “Lesetagebuch “Die Wohlgesinnten” von Jonathan Littell – Teil 1”

  1. Heike sagte

    Mit sehr viel Interesse werde ich hier deine Beiträge zu diesem Buch verfolgen. Mein Mann soll es im Juli zum Geburtstag bekommen. Ich werde es nach ihm lesen. Ich freue mich schon auf deine nächsten Gedanken.
    LG
    Heike

  2. Heidi Hof sagte

    Ja, auch ich werde deine Gedanken hier verfolgen, das Buch interessiert mich auch :D

  3. tinius sagte

    Dieses Vorgehen habe ich auch schon überlegt, aber eigentlich macht das für mich nur Sinn, wenn ich den Text regelrecht erarbeite und mit Nebenlektüren – von Aischylos’ Eumeniden über Theweleits Männerphantasien, Jüngers Marmorklippen bis zu Raul Hilbergs “Vernichtung der europäischen Juden”, den Historikerstreit, Goldhagens Wehrmachtsbuch und Arendts “Eichmann in Jerusalem” – abarbeitete. Das allerdings wäre ein Jahresprojekt (und nicht unbedingt das, was ich mit meinem Weblog vorhatte….). LG tinius

  4. Esther sagte

    Hallo Kollege,
    so systematisch möchte ich nicht an das Thema herangehen. Das wäre in der Tat eine Höllenarbeit. Nein, ich möchte eher schildern was beim Lesen des Buches in mir vor geht. Also eher emotional an die Sache herangehen.

  5. tinius sagte

    Das wiederum liegt mir ferne. ;) LG tinius

  6. tom sagte

    Hallo Esther!

    Ich wollte Dir nur sagen, dass ich heute abend mit dem französischen Original anfangen werde; Deine Kommentare werde ich erst lesen, wenn ich den jeweiligen Abschnitt durch habe. Sicherlich werde ich auch nicht in einem Rutsch lesen (können), da noch Leserunden dazwischen kommen.

    Ich bin sehr gespannt. Habe nur die ersten zwei Sätze eben gelesen: das fängt sehr gut an!!!

    Gruß,

    tom

  7. Esther sagte

    Klasse! Freue mich schon sehr auf Deine Meinung!!! Du wirst bestimmt aufholen, ich kann das Buch nur in Maßen ertragen.

  8. Steffi sagte

    Ich verfolge mit sehr hohem Interesse dein Lesetagebuch zu “Die Wohlgesinnten”.
    Schon allein bei deinen Eindrücken muss ich sehr tief schlucken. Ich möchte nicht wissen, wie es wäre, wenn ich das Buch selbst lesen würde.
    Ich gestehe ja, dass ich anfangs diesem Buch sehr skpetisch gegenüber gestanden habe. Mir kam es etwas vor, als würde es hochgeputscht werden. Aber nach deinen Eindrücken zu urteilen, scheint das nicht der Fall zu sein.

  9. Liisa sagte

    Tolle Idee, das Lesetagebuch zu diesem Buch. Ich verfolge Deine Einträge dazu ebenfalls mit großem Interesse!

  10. tom sagte

    Hallo Esther!

    Ich habe gestern den vielleicht großen Fehler gemacht, über “Perlentaucher” verschiedene DEUTSCHE Rezensionen zu diesem Buch zu lesen und bin einfach BAFF, wie unterschiedlich dieses Buch also in Frankreich und Deutschland rezeptiert wird. Hier hat es doch fast einmütigen Anklang gefunden. Nun es ist zu früh für mich, selber zu urteilen, doch dieser Unterschied ist schon interessant. Eventuell kann ich als in Frankreich lebender Deutscher da irgendwas in Verbindung setzen?

    Ansonsten habe ich halt die Lektüre angefangen und war vom ersten relativ überschaubaren Kapitel, das “Staccato” überschriftet ist, absolut beeindruckt. Dort verstärkte der Ich-Erzähler von Aue in mir die Ahnung, dass wir alle gegen das Grauen nur in dem Maße gefeit sind, als dass wir uns nicht einfach von vorneherein abehebn und die Hände in Unschuld waschen. Damit will ich natürlich nicht sagen, dass wir alle Verbrecher wären…, aber mit welcher Überheblichkeit sich viele von jeher nicht als betroffen oder eventuell als mögliche Mittäter fühlen, verstehe ich schon seit langem nicht mehr.

    Nach diesen circa 25 Seiten wechselt der Ton, der Stil und die Erzählebene und von Aue erzählt konkret von Erfahrungen an der “Ostfront”.

  11. Esther sagte

    Danke @ Liisa! :)
    Tom, ich bin gespannt…
    Ich schreibe gerade an einem längeren Artikel über deutsche und französische Art der Vergangenheitsbewältigung. Die Deutschen sehen scheinbar ihren Alleinanspruch an literarischer Verarbeitung des dritten Reichs bedrängt.
    Dabei kann ich nach einigen französischen Büchern der Thematik sagen, dass die französische Art einen Schritt weiter gemacht hat, weg von der absoluten Schuld. Sie ist einfach wesentlich ausgewogener und interessanter, als der 100. deutsche Jammerroman und die Schwarzmalerei (alle Deutschen waren schlecht ist mir zu einfach).

  12. tom sagte

    Ja, Esther, was soll ich sagen? Gestern abend, nach “nur” 80 Seiten der französischen Ausgabe (die allerdings enger bedruckt ist als die deutsche) konnte ich einfach nicht mehr weiterlesen. Ich stellte fest, dass ich mal eben ein Massaker oder sonst was überlesen hatte und kam mir wie ein Voyeur oder nicht aufmerksamer Leser vor, was diese Beschreibungen dann noch unerträglicher machen. So habe ich das Buch beiseite gelegt.

    Ein sehr intensiver Eindruck bleibt mir von den Eingangsseiten, in denen wir nicht nur mit dem “Monster” uns gegenüber konfrontiert werden, sondern auch mit der erschrecklichen Möglichkeit, wie nahe viele – vielleicht wir selber – am Rande der katastrophalen Entscheidung oder des Hineinschlitterns gestanden hätten.

  13. nullmeridian sagte

    Hallo, interssant zu erfahren, dass noch ein paar andere die selben Projekte starten wie ich selbst. Hatte einfach so vorhin mal den Titel in die Google-Blogsuche bemüht und direkt einige Treffer. Das ist zwar einerseits auch ein wenig enttäuschend, da meines jetzt keine Besonderheit mehr ist, aber das war schließlich, angesichts des Massensports Bloggen, auch kaum zu erwarten.

    Ähnlich wie Tinius denke ich dabei allerdings auch manchmal. Ich habe auch ehrlich Probleme damit, den Stoff wie einen rein fiktiven Roman zu behandeln. Da muss noch ein bisschen mehr dazu. Da allerdings Goldhagens willige Vollstrecker ohnehin schon seit ein paar Jahren geduldig in meinem Bücherregal warten, will ich es anpacken und mich daran versuchen.

    Hier werde ich auch dabei bleiben und hoffe auf angeregten Austausch!

  14. nullmeridian sagte

    Achso, gar nicht bemerkt, dass wir uns grad auf WordPress befinden. Da habe ich mein anderen Projekt gelagert. Mein Lesetagebuch befindet sich hier:

    http://teilnehmende-beobachtungen.blogspot.com/

  15. Esther sagte

    @ Nullmeridian:
    Wie schön, dass wir die selbe Idee hatten! Ein Lesetagebuch bietet sich ja auch einfach bei dem Umfang und der Thematik des Buchs an. Ich werde ebenfalls mit Interesse Deine Beiträge verfolgen.

    Liebe Grüsse
    Esther Salome

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