SALOMES BÜCHER

Leben und Lesen gegen den Strom

Archiv für März, 2008

Dave Pelzer - Sie nannten mich “Es”

Verfasst von Esther am März 31

Alptraum Kindheit

Dave Pelzers autobiographisches Buch befasst sich mit den Erinnerungen des Autors an seine Kindheit. Diese wird beherrscht von dem absolutem Horror.
Dave ist einer von drei Söhnen der Bilderbuchfamilie Pelzer. Seine Eltern liebt er abgöttisch, das Glück ist perfekt. Dann allerdings ändern sich die Umstände rigoros. Aus der Bilderbuchfamilie wird der fleischgewordene Kinderalptraum. Die Schilderungen lassen den Leser fassungslos zurück, schlimmer geht es wirklich nicht mehr. Seine Mutter hasst ihn. Er wird zum Sklaven der Familie, mit Gaskammerspielchen gefoltert, muss Spülmittel schlucken und stundenlang in der eiskalten Badewanne liegen.

Natürlich hat Pelzer mit einer solchen Vergangenheit das Mitgefühl und die Sympathien voll auf seiner Seite. Wie könnte es auch anders sein. Auch ich war fassungslos. Oft habe ich gedacht, es ist einfach zu viel, dass das nicht mehr wirklich real sein sein. Wie kann eine verätzte Lunge, verätzte Zunge, ständig wieder blutende, eiternde Stichwunden, von der Schule unbemerkt bleiben ? Schwer zu glauben, aber theoretisch durchaus denkbar.

Leider kann man das Buch an sich, trotz allem Mitgefühl, dann allerdings doch nur als mittelmäßig bewerten. Es fehlt einfach zu viel.
Der Hintergrund der Misshandlungen wird in keiner Form erwähnt, er bleibt komplett im dunkeln. So hat man zwei Kapitel lang die Beschreibung einer Bilderbuchfamilie, im dritten Kapitel kommentarlos dann die Horrorfamilie. Was ist geschehen? Warum trinken beide pötzlich? Warum hasst die Mutter plötzlich ihren Sohn Dave ? Warum nicht die anderen Kinder? Warum wird niemand auf ein stinkendes, verlottertes, verletztes Kind aufmerksam? Diese Fragen hätten unbedingt behandelt werden müssen! So bleibt am Ende nur Unverständnis und Unglaube. Statt Fakten gibt es dann ein pathetisches Ende und ein Nachwort, das eine Lobeshymne auf Amerika und die Air Force ist. Scheinbar hat Pelzer den Krieg zuhause nur gegen Desert Storm im Irak-Krieg ausgetauscht. Was solls, ist ja für das Gute an sich, sprich: Amerika ! Er behauptet weiter, dass nur in Amerika ein misshandeltes Kind die Chance hätte vom Verlierer zum Sieger (Bestsellerautor) aufzusteigen. Das kann man nun wirklich nicht so stehen lassen. Auch ist mir sein Mitgefühl für misshandelte Kinder im Nachwort zu sehr auf Amerika beschränkt. Als Patriot dient er auch heute noch seinem Land, jetzt in dem er amerikanischen Kindern hilft. Diese Denkungsart ist mir etwas befremdlich. Lobenswert ist dieser Wechsel von Desert Storm (wie viele Kinder mögen wohl dabei gestorben sein?) zum Helfer misshandelter Kinder natürlich alle mal.

Es war interessant und unglaublich zu lesen, wie eine Kindheit sein kann. Ohne Fundamente kann man jedoch kein Haus bauen. Zu viel schwebt in diesem Buch in der Luft und kann sich so nicht halten.

Meine Bewertung:

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ISBN: 3442150558
Übersetzt von Ulrike Ziegra
Goldmann Wilhelm
Mai       2000 - kartoniert - 158 Seiten
Der Mut eines Kindes zu überleben.
Goldmanns Taschenbücher

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Lesetagebuch “Die Wohlgesinnten” von Jonathan Littell - Teil 6

Verfasst von Esther am März 31

Seite 600

Das Buch hat sich, wie ich es erwartet habe, um 180 Grad gedreht. Von der “langweiligen” Verwaltung der eroberten Gebiete im Kaukasus strafversetzt, steht der Offizier Aue nun in Stalingrad , lustiger Weise einiger vernünftiger Grundsätze und Überzeugungen wegen. Das Buch liest sich jetzt wie ein Krimi, jede Seite ist spannend und faszinierend, voller Bilder und inspirierender Gedanken und vor allem voller Horror. Spielt hier auch ein wenig Voyeurismus mit ? Das ist möglich. Ich sehe hin, verschlinge die grausamen Bilder und hoffe, dass sich mir der Sinn und Zweck solch eines Grauens endlich offenbart.
Ich gestehe auch, es hat mit am Anfang ein wenig Schadenfreude bereitet Aue in Stalingrader Kessel zu sehen. Allerdings hat sich das sehr schnell gegeben. Bislang war Aue oft weit entfernt vom Leser, ein fast langweiliger Intellektueller, ein höherer Beamter, ein Kopfmensch, zugegeben mit einigen dunklen Geheimnissen und einer zwielichtigen Vergangenheit. Nun sieht man ihn auf ein Minimum von Menschsein reduziert, seine Schale des Scheins platzt auf. In seinem Elend kommt man ihm näher und er wird greifbar. Aues Stalingrad erlebt man beim Lesen sehr nah, oft fast zu nah. Littell schont seine Leser nicht. Er zwingt sie quasi genau hinzusehen, es tut teilweise einfach nur noch weh.
Aues düstere Vergangenheit lichtet sich zusehends.
Littell, so viel kann ich jetzt schon sagen, ist ein absolut meisterhafter Autor.

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Lesetagebuch “Die Wohlgesinnten” von Jonathan Littell - Teil 5

Verfasst von Esther am März 21

Seite 400

Ich krieche durch die Wüste, ab und zu eine kleine Oase, aber im Großen und Ganzen öde. So meine letzten Eindrücke. Es ist einfach seeeehr trocken hier, aber ich krieche weiter. Die kleinen Highlights sind sehr lesenswert und halten mich immer noch bei der Stange. Ein solches Highlight ist die Geschichte des alten jüdischen Gelehrten Nahum ben Ibrahim. Ich will es jetzt nicht im Detail wiedergeben, aber die Geschichte ist wundervoll, voller Weisheit. Zwischen diesen wundervollen Stellen liegt allerdings, wie schon erwähnt, zu viel gelehrtes Gerede (ist ja wie gesagt an sich nicht uninteressant, aber im Kontext anstrengend) und zu viel militärisches Insiderwissen (wo um Gottes Willen hat der Mann diese ganzen Inside-SS-Informationen her??? Das muss eine Höllenrecherche gewesen sein! Hut ab, absolut authentisch! ). Das ist sehr langatmig zu lesen, man brauch volle Konzentration, also definitiv nichts zum Wegschmökern.

Ertappte mich übrigens immer öfter dabei draußen ältere Männer im Geist in SS-Männer umzuwandeln. Inzwischen sogar Jüngere! Wäre er damals einer geworden? Mein ehemaliger ARGE-Bearbeiter wäre auf jeden Fall dabei gewesen… ;)

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Bye, Bye Amazonrezensionen!

Verfasst von Esther am März 21

Ich habe die Schnauze voll ! (Schöne Redensart übrigens…). Hiermit schwöre ich den Amazonrezensionen völlig ab! Nix wieder! Die Geldmacherei und leicht gemachte Manipulation von BOD-Autoren und kleinen Streber-Verlagen ist inzwischen einfach unerträglich. Ausgeklügelte Systeme aus Eigenrezensionen und Lieblingslisten mit 50 selbst erstellten Benutzerkonten gaukeln hochwertige Literatur vor, wo Schrott drinnen ist. Negativrezensionen können vom Autor mit den 50 Benutzerkonten praktischer Weise per “unzumutbar”- Button sofort entfernt werden und tauchen nicht mehr auf. Und jedes Mal mit Amazon in Kontakt zu treten, damit die Rezi wieder auftaucht ist mir zu blöd. Ich weiß meine Zeit besser zu nutzen. Traurig jedenfalls, wenn die Meinungsfreiheit so skandalös beschnitten wird! Auch für die Wirtschaft sollten demokratische Grundsätze gelten! Amazon muss Anmeldungen erschweren, Adressen und Identitäten überprüfen, sonst ist das ganze Bewertungssystem einfach nichts wert.

Das alles ist sehr schade, weil ich über Amazon in der Vergangenheit oft gute Lesetipps erhalten habe, aber scheinbar ist auch das nur noch Erinnerung…

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Bye, bye Linientreu - Das Berliner “Treu” schliesst seine Pforten

Verfasst von Esther am März 20

Ein Nachruf

Ich sterbe ein bisschen, denn die Discothek Linientreu in der Budapester Straße ist sozusagen ein Teil von mir. Ein Scheidepunkt, ein Schicksalsort. Es gibt wenige Orte im Leben, die so voller Erinnerungen ( die besten, wie auch die schlechtesten ) sind. Von 1989-1995 habe ich hier einen großen Teil meiner Jugendzeit verbracht. Hier habe ich in der Pubertät einen wichtigen Teil meiner Identität gefunden, später dort gearbeitet, fast dort gewohnt, meine erste große Liebe kennengelernt (*wink* zu meinem lieben Dimo), meine krassesten Erfahrungen gemacht (Sex and Drugs and Tuxedomoon, *wink* @ Gogo) und hier habe ich meinen jetzigen Ehemann zum ersten Mal geküsst…

Mein erster Besuch im Treu mit 16, da gab es noch die Mauer (kennt die noch einer ? ;) ), war quasi eine Offenbarung. Die Leute, die düstere Atmosphäre, die dunkelschwarze Musik… wow! Glück! Auch in Techno-Tagen bin ich dem Treu dann treugeblieben (leider? ).

Und nun sitz ich hier in meinem selbstauferlegten Exil an der Saar und kann nicht mal Abschied nehmen. Vielleicht ist es auch besser so, ich will gar nicht sehen was aus dem Ort geworden ist. Er bleibt so in meiner Erinnerung, wie er einmal war: Meine einmalige düstere Tanzarena.
Tja, das Leben ist eben ein Fluß, das wird mir durch solche Ereignisse, wie das Verschwinden solcher Orte, immer wieder bewusst.

Bye, Bye Linientreu!

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Charlotte Roche - Feuchtgebiete

Verfasst von Esther am März 18

Befreiungsschlag gegen parfümierte Slipeinlagen, Rasierzwang und Hygienewahn

Charlotte Roches erster Roman musste ja irgendwie etwas besonderes sein, sie selbst ist es ja schließlich auch selbst.
Protagonisten ihres Romans ist die 18 jährige Helen. Bei einer Intimrasur am Arsch, schneidet sie sich in den selbigen. Als die Wunde zu eitern beginnt geht sie ins Krankenhaus, muss operiert werden. Der Aufenthalt im Krankenhaus wird in Helens Leben schließlich ein Wendepunkt.

Hygiene wird bei mir kleingeschrieben

Helen hat ein - sagen wir - sehr inniges Verhältnis zu ihrem Körper und ihrer Sexualität. Es ist sozusagen ihr Lebensinhalt. Jede kleine Fantasie muss ausgelebt werden und jeder noch so verschrobenen, unbeantworteten Frage muss nachgegangen werden. Mit unbelasteter Neugier und Pioniergeist geht Helen auf eine etwas andere Entdeckungsreise ihres Körpers. Hiervon wird nichts an Körperflüssigkeiten ausgespart, Eiter, Wundschorf, Smegma… Helen plaudert über Analverkehr und Tampontausch mit der Freundin, wie andere in ihrem Alter über Schminktipps plaudern.
Charlotte Roche provoziert bewusst und übertreibt sicher auch an der ein oder anderen Stelle gerne mal mit Helens Ekel-Aktionen, ihrem Fetischismus und Hygieneekel. Allerdings ist das auch im Kontext notwendig damit der Leser aus der konventionellen Welt der Hyperhygiene erstmal hinausgeschleudert wird und sich in den Ursprüngen des Menschen wiederfinden kann.

Die Idee zu diesem Buch entstand aus Roches Wut über parfümierte Damenbinden und Intimlotionen, die Frauen suggerieren sie stinken da unten und zwar so schrecklich, dass man man das nicht einmal mit normaler Seife wegwaschen kann, beziehungsweise mit Maiglöckchenduft überdecken muss. Das führt bei vielen Frauen zu Hemmungen z.B. beim Oralverkehr. Während Männer losgelöst mit ihrem Sperma und Smegma wenig Sorgen haben, ich habe bis dato zumindest noch keine Intimlotion für Männer entdeckt. Frauen haben nun einmal Vaginalsekrete, Frauen kacken, Frauen haben ihre Tage, Frauen sind eben Menschen, Menschen die ihre Fetische und auch ihre Ekelseiten haben. Ich kann Roches Bedürfnis nach diesem Buch sehr gut verstehen und bin froh solch offene und unverklemmte Worte zu dem Thema gelesen zu haben. Ein Befreiungsschlag gegen die Mafia der Damenhygiene.

Die andere Seite des Buchs ist fast tragische Hintergrund der Figur Helen. Er scheint nur an einigen Stellen des Romans durch, gerade genug um zu verstehen, warum einiges an dem Mädchen so extrem ist. Helen ist Scheidungskind, leidet sehr darunter, fühlt sich unsichtbar. Daher ihr starkes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, danach andere zu schockieren und einen Teil von ihr mit anderen zu verbinden, was ihr scheinbar nur über das Verstreuen ihrer Bakterien zu gelingen scheint. Einzig Pfleger Robin kommt Helen nah. Ihm gelingt es durch Helens Fassade zu dringen.

Roches Romans ist in einer Sprache geschrieben, die der der 18-jährigen Helen entspricht. Einach, kurz auf den Punkt gebracht, cool, nah der realen Gegenwart. Es liest sich daher locker flockig, auch durchs Roches einmaligen Humor, der mal subtil durchscheint, mal wie ein Hammer kommt. Ich habe an einigen Stellen herzlich gelacht und auch sonst habe ich mich prächtig amüsiert. Auch die Message ist bei mir angekommen. Also ein stimmiges, gutes Leserlebnis.

Witzig finde ich vor allen Dingen die Reaktionen, bzw. Rezensionen zu diesem Buch, besonders die bei Amazon. Allein der Klappentext, bzw. Beschreibungen des Buchs lassen doch ziemlich deutlich durchblicken was einen erwarten könnte. Nein, jeder Otto-Normal-Spiesser muss das Buch trotzdem haben und lesen, und sei es nur um sich hinterher über die sooooo ekligen Szenen (die meist gar nicht sooooo ekelig sind) aufzuregen. Ist mir ein Rätsel. Vielleicht um vor den anderen klarzustellen, wie sauber und rasiert sie doch sind im Gegensatz zu Ekel-Helen, sonst könnte man ja sonst was von Ihnen denken. Lustig, dass man die Leute doch noch schocken kann!

Weiter so Charlotte!

Meine Bewertung:

ISBN: 3832180575

DuMont Buchverlag GmbH

Februar 2008 - kartoniert - 219 Seiten

14,90 €

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Lesetagebuch “Die Wohlgesinnten” von Jonathan Littell - Teil 4

Verfasst von Esther am März 14

Seite 350

Habe nach einer kurzen Pause nun weitergelesen und hatte gleich dann auch die erste Länge im Buch. Ich bin ja eher eine Freundin kurzer, präziser Aussagen und Littell verliert sich allzu gerne in ellenlangen Beschreibungen von Landschaft, Diensthierarchie, Gesprächen mit Kameraden, Treffen mit Einheimischen, Reisen etc. etc. Aber ich lasse mich von Littells trügerischer, einlullernder Ruhe nicht täuschen…
In dieser Länge nun war auch ein Gespräch, zwischen den beiden Intellektuellen Aue und seinem Vorgesetzten Voss, einem Sprachwissenschaftler in Friedenszeiten, in dem Voss ein 6-7 Seiten langes Referat über die russischen  Sprachen hält (eigentlich nicht in dem Sinne russisch, denn es sind ja tausende von Dialekten). Ich gestehe ich habe es überblättert! Wenn ich Sprachgeschichte studieren will geh ich lieber an die Uni, oder kauf mir ein Sachbuch, aber solch ein Exkurs in einem Roman ist ermüdend.
Ein Highlight wiederum ist ein Gespräch zwischen Ohlendorf und Aue in dem es um den Sinn und Zweck der Judenvernichtung geht. Beide sind gegen die sinnlose Ermordung von Juden, sehen in ihr keinen Sinn, obschon beide überzeugte Nationalsozialisten sind. Ohlendorf plädiert für eine Abschiebung der Juden in ein Reservat, wo diese in Frieden leben könnten - im Gespräch hierfür waren Madagaskar (der Plan scheiterte aber an den Engländern, die ihre Flotte hierfür nicht zur Verfügung stellen wollten) oder Sibirien. Allerdings sind die anfänglichen Überlegungen der Nazis die Juden umzusiedeln nicht nur an den Nazis selbst gescheitert, sondern niemand sonst wollte Millionen von Juden in seinem Territorium gerne haben. (Hier sieht man wieder sehr schön, wie weit der Begriff Schuld sich ausdehnen lässt, oder auch wie wenig greifbar er ist). In der Realität wird nicht jeder SS-Mann von diesen Aktionen der Vernichtung begeistert gewesen sein, auch wenn sie im Zweifelsfall dann doch mitgewirkt haben, davon bin ich überzeugt. Sie hielten es für notwendig um Saboteure im Vorhinein zu eliminieren und so vermeintlichen Schaden von der deutschen Armee abzuwenden. Sicher auch weil man es dem Fußvolk auch so verkauft hat.

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Lesetagebuch “Die Wohlgesinnten” von Jonathan Littell - Teil 3

Verfasst von Esther am März 10

gelesen bis Seite 250

… in Sachen Gerechtigkeit gibt es keine absolute Instanz, und jedes Volk definiert seine Wahrheit und seine Gerechtigkeit selbst. Doch wenn unsere Stärke jemals nachlassen, unsere Macht jemals schwinden sollte, dann müssten wir die Gerechtigkeit der anderen über uns ergehen lassen, so schrecklich sie auch sein mochte. Und auch das wäre nur gerecht.

Ich musste eine Pause einlegen. Mir wurde einfach nur noch schlecht. Ebenso plagen auch Offizier Max Aue inzwischen regelmäßig Kotzkrämpfe und er wundert sich ernsthaft woher diese denn stammen ? Eine lustige Frage, wenn man über tausende von Leichen in einem Massengrab läuft, Erschießungen und Erhängungen beiwohnt ? Es ist schon bezeichnend, wenn man da keine Zusammenhänge mehr sieht. Inzwischen experimentiert man mit effektiveren Methoden zur Massenvernichtung, als das erschießen. Ist ja auch eine ziemliche Sauerei und Zumutung sich täglich die Uniformen von Blut, Hirnstücken und menschlichen Ausscheidungen reinigen zu müssen. Es ist unglaublich wozu Menschen fähig sind, normale Menschen, Menschen die selber Familien zuhause haben…

Die Armee steht jetzt ihrem ersten russischen Winter bevor, auf den sie in keiner Weise vorbereitet ist. Auch die militärische Katastrophe nimmt also ihren Lauf.

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Lesetagebuch “Die Wohlgesinnten” von Jonathan Littell - Teil 2

Verfasst von Esther am März 7

gelesen bis Seite 200

Im Moment bin ich doch arg betroffen und geknickt. Gestern sind mir die Tränen beim Lesen einfach nur so gekullert. Schrecklich! Und wenn ich das jetzt noch mal so Revue passieren lasse, könnte ich gleich schon wieder heulen. Ich weiß auch nicht, ob ich das jetzt so wiedergeben kann.
Es geht um eine der kleinen Nebengeschichten. Was könnte es für eine Mutter von zwei Kinder schlimmeres geben als ermordete Kinder?
Die SS folgt der immer tiefer ins russische Land vorstoßenden Wehrmacht. Sie säubert die eroberten Gebiete von Juden, Bolschewiken, Zigeunern… Inzwischen wurde Befehl erlassen auch die Frauen und Kinder zu erschießen. Ich hatte keine rechte Ahnung, dass bei diesen Aktionen der SS bis zu 50 000 Menschen in Fließbandarbeit erschossen wurden und nach Sardinenpackungs - Prinzip ordentlich gestapelt in Massengräbern ihr Ende fanden. Allerdings sagen ja solche Zahlen ja auch nur dem Kopf etwas, den Emotionen dagegen recht wenig. Ein Einzelschicksal jedoch kann einen umhauen. Wie eben eine kleine Szene mit einem Mädchen, das mit ansehen muss wie seine Mutter erschossen in der Grube liegt und sich verzweifelt an Offizier Aue wendet. Mit dem Finger zeigt sie auf ihre Mutter und weint. Aue ist berührt, den Tränen nahe nimmt er sie in die Arme, gibt sie dem für die Erschiessungen zuständigen SS-Mann und bittet diesen sanft zu ihr zu sein. Sie wird erschossen. Das hat mich wirklich fertig gemacht, das Bild ging mir nicht aus dem Kopf, ich konnte kaum einschlafen.

Ich habe ein wenig Angst vor dem, was noch auf mich wartet.
Max Aue ist ein sonderbarer Charakter, er denkt, er erkennt und kann sich doch nicht von dem Unrecht abwenden. Warum nicht? Will er nur seine Karriere vorantreiben? Nein, er könnte einfach zurück nach Berlin fahren und eine nette Stelle dort antreten. An potenziellen Henkern mangelt es nicht in der SS.
Er möchte nach eigenen Aussagen seine Belastbarkeit und seine Grenzen erfahren. Wieviel kann er ertragen. Er beobachtet sich selbst, 24 Stunden, wie mit einer Kamera, die permanent auf ihn gerichtet ist.
Wir werden sehen, ob und wann der Mann an seine Grenzen gelangt.

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Lesetagebuch “Die Wohlgesinnten” von Jonathan Littell - Teil 1

Verfasst von Esther am März 6

Das wird wohl ein längeres Projekt. Ich werde mit Sicherheit während der Gesamtzeit der Lektüre Pausen einlegen müssen, um etwas anderes lesen. Daher meine Idee ein Lesetagebuch zum Buch zu führen.
Ich habe jetzt 150 Seiten gelesen.
Der Stoff ist einer der härtesten, die ich je gelesen habe, literarisch sehr anspruchsvoll und rein inhaltlich der blanke Wahnsinn.
Nach der Einführung, in der SS-Offizier Aue sich selbst vorstellt und man einen recht “normalen” (ja vielleicht manchmal fast sympathischen) Menschen kennenlernt, folgt eine genaue Beschreibung des Aufbaus des SS-Staats. Das ist streckenweise sehr anstrengend zu lesen, mit diesen ganzen Termini wie AOK, SD, OUN, Dulag etc. etc. muss man sich erstmal vertraut machen. Schließlich folgt der normale Alltag der SS. Hier gibt es allerlei Schlafraubendes: Erschießungen, Misshandlungen, das volle Programm. Das Schockierende ist allerdings bis dato für mich nicht die Vernichtung von Menschenleben an sich, sondern der Umgang der SS (und auch Wehrmacht) mit diesen Dingen. Dieses Beamtentum, diese Obrigkeitshörigkeit, die Systematik. Man ist mittendrin und total involviert, ein scheußliches Gefühl, aber auch sehr heilsam.

Ein böser Gedanke, der mir hierzu immer wieder kommt: Das Beamtentum , die Obrigkeitsverliebtheit und der Verwaltungsapparat in Deutschland haben sich wenig verändert. Sicher, es wird nicht mehr erschossen und systematisch vernichtet (weil es jetzt verboten ist), aber über Leichen gehen die auch heute noch, wenn es in den Vorschriften so geschrieben steht….

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Eric-Emmanuel Schmitt -Adolf H.

Verfasst von Esther am März 2

Was wäre passiert hätte die Wiener Kunstakademie über Hitlers Aufnahme damals anders entschieden ?

Dieses Gedankenexperiment ist die Basis von Schmitts Roman Adolf H.
“Adolf H., bestanden”. Er wird Student an der Kunstakademie, arbeitet an sich, erfährt Anerkennung, macht eine Psychotherapie und lernt die Liebe kennen. So gewappnet kann er auch das Leid und die schweren Prüfungen seines Lebens unbeschadet überstehen, bleibt eine normaler Mensch.
Parallel dazu erzählt Schmitt die reale Geschichte Hitlers, seinen Werdegang, literarisch aufgearbeitet. Natürlich nimmt er sich auch hier einige künstlerische Freiheiten, bleibt aber doch im Rahmen relativ nahe bei den Fakten. Die beiden Handlungsstränge wechseln sich stets ab, so das Hitler und der fiktive Adolf H., die natürlich anfangs noch sehr ähnlich sind, Stück für Stück auseinanderdriften und in völlig unterschiedliche Richtungen gehen. Das macht den Spannungsbogen des Buchs aus und diese Entwicklungen wurden auch von Schmitt sehr gekonnt in Szene gesetzt. Besonders hervorzuheben die Beschreibungen des ersten Weltkriegs aus beiden Perspektiven, die doch sehr nahe gehen. Hier entwickelt sich Hitler zu dem Monster Hitler. Auch Adolf H. kehrt nicht als der selbe Mensch von der Front zurück…

An der Person Hitlers wurde nichts beschönigt, oder verharmlost, wobei ich mir sicher bin, dass dies ein Punkt ist an dem sich die Geister scheiden werden. Es ist ja immer quasi ein Tabubruch von Hitler als Menschen zu sprechen, was er aber nun mal einfach war. Er symbolisiert allgemein das Böse, das in jedem Menschen wohnt. Natürlich möchte man diese Seite des Menschen lieber als einmalige Perversion, als Unfall der Natur darstellen, der nicht mehr wiederholbar ist und weist das Monster weit von sich. Doch das jeder Mensch unter gewissen Umständen ein Hitler hätte werden können, das wollte Schmitt vermitteln. Und: nur vor dem was man verstanden hat, vor dem ist man wirklich gefeit.

Mit Adolf H. wollte Schmitt quasi das Gegenstück zum Evangelium nach Pilatus schreiben. Ein Buch über das Böse. Er hat sich beim Schreiben sehr glaubhaft in die Psyche Hitlers hineinversetzt auch wenn er ihn nach eigenen Angaben nach einer gewissen Zeit kaum noch ertragen konnte und dessen Tod herbeisehnte. Mit Adolf H. jedoch rührt er an die Menschlichkeit und einige starke Momente des Buchs lassen einen schon sehr emotional werden.
Für mich eine tolle Idee und eine gelungene Umsetzung. Vielleicht mit kleineren Mängeln im Aufbau der Story, die Schmitt aber mit vielen wertvollen Gedanken wieder wett macht.

Meine Bewertung :

ISBN: 3250601071
Übersetzt von Klaus Laabs
Ammann Verlag
Februar 2008 - gebunden - 480 Seiten

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