Gedanken zu Székelys “Verlockung”
Verfasst von Esther am Februar 13
Zunächst einmal: Bis dato (habe gerade Halbzeit im Buch) kann ich sagen, dieses Buch ist herrausragend! Eine stilistisch einfach gehaltene Geschichte, aber mit berauschender Gedankenfülle und einmalig plastischen Bildern. Protagonist Bélas fatale Lebensumstände, die verheerende Armut, mahnen mich auf strengste an. So hadere ich denn schon seit Tagen (sicher nicht zum ersten Mal, aber sehr intensiv) mit dem Leben, das wir alle führen. Hadere mit dem Überfluss, dem Konsum, ja, der Dekadenz und vor allem mit der Selbstverständlichkeit des Reichtums in unserer Zeit, in unseren Gefilden. Mein Sohn schmeisst mit gelassener Selbstverständlichkeit den angebissenen Apfel in den Mülleimer, ich selbst leiste mir irgendwelche Unsinnigkeiten, die weder wärmen noch satt machen (und jammere oft noch, dass ich nicht noch dieses oder jenes kaufen kann). Im Radio und Fernsehen dudelt die Werbung ihr unbarmherziges Mantra: “Kauf! Kauf! Kauf!”.
Dann werden die Gedanken von meinem kleinen, meinem unbedeutenden, Leben angefangen, immer globaler. Ich betrachte die Müllberge, pestizitbenässte Gemüsefelder, gentechnische Mutationen, sehe die Berge an Fleisch, die wir verzehren. Fleisch zu dem wir keinen Bezug haben, das abstrakt und abgepackt im Supermarkt unserer Wahl auf uns wartet, ohne das wir uns die Finger schmutzig machen müssen. Die Ordnung der Natur gerät aus den Fugen, die Menschen verbreiten sich wie ein Geschwür auf dem Planeten.
(durchatmen)
Und dann gehen meine Gedanken zurück zu Béla, der halb ohnmächtig vor Hunger 12 Stunden arbeitet und acht Stunden zu Fuß für den Weg von und zur Arbeit täglich braucht. Der einen Freudentanz vollführt, als er endlich ein paar Schuhe an den Füßen hat. Und dann schäme ich mich.

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Christine sagte
Interessant, welche Gedanken dieses Buch in Dir hervorruft! Jedenfalls eine weitere begeisterte Stimme zu diesem Buch, sollte ich jetzt auch endlich mal lesen…..
Esther sagte
Auf jeden Fall, Christine! Ein tolles Buch.
Tom sagte
Ja, ich habe dieses Buch ebenfalls verschlungen und gerade auch die eindrueckliche Beschreibung der Armut weckte in mir Querverbindungen und Gruebeln…
Ich versteh Deine Reaktion und Nachdenklichkeit und will Dir ein Ueberdenken von Gewohntem keinesfalls ausreden. Doch ist ein – von mir hier mal bei Dir reininterpretiertes – schlechtes Gewissen meines Erachtens nicht immer hilfreich und nicht die beste Motivation.
Man kann sich – doch nun ist mein Lesen schon was her – sicherlich auch fragen, ob Armut gewollt gelebt wird und ob es hinter ihr nicht manchmal dieselben ausufernden Wuensche gibt.
Aber relativieren tut dieses Buch viele unserer Beduerfnisse!
Esther sagte
Ja Tom, kann sein, dass ich ein Gewissen habe (ob es allerdings schlecht ist? Ich würde dazu eher Bewusstsein sagen). Ich denke ein Gewissen, besonders ein schlechtes, kann blockieren, sicher. Es kann aber auch der Anfang von Erkenntnis und Veränderung sein. Wenn man sich die Geschichten von vielen engagierten Menschen wie Karl-Heinz Böhm usw. ansieht, steht dort immer am Anfang ein Schockerlebnis, eine Erkenntnis, Scham und ein schlechtes(?)Gewissen (steckt ja auch schon Wissen im Wort).
Ja, das Buch relativiert. Das hast Du gut gesagt. Das trifft es.
Was meinst Du jedoch mit gewollter Armut? Das habe ich nicht verstanden…
Tom sagte
Mit dem holprigen Ausdruck wollte ich andeuten, dass materielle Armut ja meistens nicht gewaehlt oder eben gewollt wird. Insofern ist sie nicht immer und unbedingt eine Aussage ueber den inneren Zustand, ob Gier, Zufriedenheit etc.
Vielleicht gehen diese Gedanken aber jetzt zu weit?: Manche “reiche” Leute leben in Verfuegbarkeit und nicht auf sich bezogen; manch “arme” Leute leben selbstbezogen und egoistisch.Auch da sind die Seiten nicht immer schwarz-weiss gezogen…
Heidi Hof sagte
Ich freue mich, dass dir das Buch ebenso gut gefällt wie mir. Ja, beim Lesen bekam ich auch oft eine Gänsehaut, und fing an zu grübeln. So kann ich deine Gedankengänge nachvollziehen. Aber Tom hat Recht, ein schlechtes Gewissen bringt keinem etwas. Vielleicht sollte man einfach nur bewusster leben und kaufen, evtl. bleibt dann die eine oder andere “Mark” über, die man sinnvoll anlegen kann
Esther sagte
@ Tom: Ja, sowohl Glück als auch Armut sind relativ. So viele reiche Menschen sind unglücklich und krank. Soviele Arme sind wundervolle, charakterstarke Menschen, die jedes kleine Glück aufsaugen und bewusst fühlen… Da gebe ich Dir recht. Bela scheint mir allerdings oft selbst-verloren. Es tut mir weh, wie gut in diesem Buch das Sterben von kindlicher Illusion und Idealen mitzuerleben ist.
@ Heidi: Ich bin mit dem Roman fast durch und eines kann ich sicher feststellen: Ich kaufe bewusster und überdenke auch viele Selbstverständlichkeiten seit ich das Buch lese noch mehr als vorher.
André sagte
Du solltest du nicht dafür schämen, dass es dir gut oder zumindest besser geht. Stören sollte es dich, dass es ihm schlecht geht. Sonst versuch es halt mit schamloser Armut.
Esther sagte
Schamlose Armut ? Wie geht das ?
André sagte
Wohl u.a. durch Einsicht in die Umstände, die einen arm halten und im Überwinden von Vorstellungen der Gangart, man wäre an allem selbst schuld und hätte sich auch für alles zu schämen. Ich bezweifel ja nicht das Gefühl. Aber der Schamgegenstand ist sozial konstruiert. Für dich ist es offensichtlich undenkbar, dass sich Menschen für einen schlechten ökonomischen Status nicht zu schämen hätten. Wie auch immer. Die Armutsalternative war sicherlich nicht ernst gemeint. Ich dachte daran, dass du dich auf gleicher Ebene dem Armen gegenüber nicht mehr schämen müsstest, damit aber keinem geholfen wäre. Insofern ist zwar seine Armut kritikabel, aber nicht unbedingt dein besseres Abschneiden.
Esther sagte
Nein, ich finde es undenkbar, dass sich Menschen für einen guten ökonomischen Status nicht schämen. Ich selbst bin bis vor kurzem selbst für deutsche Verhältnisse wirklich arm gewesen, war sogar vor einigen Jahren mal wohnungslos und habe mich doch nicht dafür geschämt. Das weise ich entschieden von mir!
Ich finde auch Scham nicht unbedingt negativ, wie schon oben erwähnt. Eher würde ich eine Ignoranz verabscheuen, die mir ein gutes Gewissen beschert.
André sagte
Warum sollte jemand ein Problem darin sehen, ein gutes Leben zu führen, statt das Problem in der Armut zu verorten? Ich dachte bisher, dass man dem schlechteren Leben entgegenwirken müsse, nicht dem besseren. Jedenfalls sind für mich die Umstände problematisch, die Armut verteilen. In guten ökonomischen Zuständen zu leben, halte ich für kein Problem. Schämen kann man sich für die genannten Umstände.
Aber anstatt dann sein Bedauern über den eigenen(!) Zustand im angesicht der Armen festzustellen, und die Armut dabei lediglich als Konstrast aber nicht als das Problem auszuweisen, könnte man sich vielleicht mal anders dazu verhalten. Das Schämen unterstellt über fünf Ecken (z.B. “mein Deutschland”) eine Identifikation mit der Sache für die man sich schämen will. Vielleicht sollte man daher mal seine Parteilichkeit überdenken. Ums praktische Mitmachen kommt man nicht so leicht herum wie ums geistige. Aber es ist schonmal nicht automatisch alles “meins”, nur weil ich in den deutschen Kapitalismus hineingeboren wurde. Insofern fallen mir da auch andere Regungen als das Schämen ein.
Naja dann verstehe ich deine Frage nicht:
Esther sagte
Ich verstehe was Du meinst, mein Mann argumentiert ähnlich. Ihr habt sicher auch recht, obwohl ich auch das Gefühl habe es geht jetzt auch ein wenig um Wortklaubereien und für die habe ich im Moment keinen Kopf.
Sicher sind die Umstände beschämend. Es ist beschämend, dass der Reichtum der einen auf der Armut der Anderen basiert. Und trotzdem ist da, neben dem sicher auch vorhandenen Gefühl der Dankbarkeit für mein gutes Leben, ein bitteres Gefühl der Scham. Sicher wenig nützlich, aber trotzdem vorhanden.
War eine höfliche Anfrage, um ein paar mehr Details herauszukitzeln.
Allerdings sind es auch sicher nicht viele, die sich ihrer Armut nicht schämen…