… und eine Rezension über Claudels neues Buch “Le rapport de Brodeck”, kann ich Euch heute voller Stolz und dank der Genehmigung der Zeitschrift „La Vie“, sowie der tollen Übersetzung von TOM, präsentieren:
Rezension: (aus der Ausgabe 3234 von “La Vie”,
23.08.2007)
Dies ist die Geschichte eines Mannes namens Brodeck, der aus der Hölle zurückkehrt, ein Überlebender der Lager, der in seinem Dorf wieder Fuß zu fassen versucht, dort, wo niemand von der Angst vor dem Fremden, des Anderen geheilt ist. Ein Mord passiert und Brodeck muss alles erzählen, seinen „Bericht“ liefern. Mit „Le rapport de Brodeck“ könnte Claudel hier sein Meisterwerk in den Händen halten. Meisterhafter Aufbau, nüchterner und gleichzeitig bildhafter und lyrischer Stil, Personen, die einen beschäftigen weit über das Lesen des Buches hinaus: Claudel geht hier ans Äußerste der Kunst der Erzählung – eine noch höhere Meisterschaft als in „Die grauen Seelen“. Und verbunden mit dem puren Vergnügen am Roman auch philosophische und metaphysische Gedankengänge: Was macht einen Menschen aus? Einen Schriftsteller? Wie kann man aufrecht bleiben angesichts der Düsternis der Welt? Das Universum des Erzählers ist zutiefst tragisch und er zögert nicht, in den dunklen Hinterhöfen der Menschheit zu stöbern, und hier noch mehr als je zuvor. Doch bei Claudel bleibt die Liebe, trotz allem, der Hauptgrund zur Hoffnung. Von da her das Gefühl, das Licht inmitten der Kloake zu berühren, und Flügel zu gewinnen unter dem durch das Böse durchsetzten Himmel. Bereiten Sie sich auf einen großen Moment des Lesens vor!
Le rapport de Brodeck (Broché)
de Philippe Claudel (Auteur)
• Broché
• Editeur : Stock (22 août 2007)
• Langue : Français
• ISBN-10: 2234057736
• ISBN-13: 978-2234057739
Interview:
Marie Chaudey: Ihr Roman ist zur selben Zeit verwurzelt in einem Dorf, einem Dialekt und hat doch die universale Dimension eines Märchens…
Philippe Claudel: Ich liebe es, verschiedene Sphären aneinanderzureihen. Es interessierte mich, Anhaltspunkte zu geben und sie gleichzeitig auch aufzuheben… Den Dialekt habe ich erfunden: es ist weder Elsässisch noch Platt, jenes in Teilen der Lorraine gesprochenen Deutschs. Um den Regen, den Geruch der Wälder, die Durchsichtigkeit der Bäche zu spüren musste ich meine Geschichte in einem Dorf ansiedeln, das ich mir im Herzen einer fiktiven, germanisch geprägten Gegend vorstellte. Und ich hatte immenses Vergnügen Brodeck der Erzähler zu sein, in diese Landschaft zu kommen: es war wie sich in eine dicke Decke einzuhüllen. So gibt es also diesen äußeren „Anzug“, die lokale Färbung, das Ländliche. Doch wenn er einige Gewänder zurückzieht, wird der Leser anderes sehen. Es ist ein rheinischer Roman, der auch die Fantasiewelt Zentraleuropas mit sich trägt, seine Märchen und Legenden, mit Personen, die von weither kommen. Die alte Fedorina hat den ganzen Erdteil auf ihrem Wägelchen durchquert, sie beinhaltet eine mythologische Dimension. Wie oft in meinen Erzählungen, habe ich ein Gleichnis aufgebaut. Ich war von Mythen durchtränkt und ich bleibe fasziniert von Homer.
M.C.: Gibt es nicht in ihrem Buch einen klaren Bezug zur Shoah?
P.C.: Dieser Roman schließt eine Trilogie ab, die ich mit „Die grauen Seelen“ und „Die kleine Tochter des Herrn Linh“ angefangen hatte. In diesen drei Erzählungen wollte ich die Ereignisse des XX. Jahrhunderts, die mich am meisten verfolgen, erforschen: der erste Weltkrieg; der Vietnamkrieg, den ich stets mit dem Khmer-Genozid (in Kambodscha) verbinde und schließlich der Nationalsozialismus. „Le rapport de Brodeck“ betrifft so also die Shoah, geht aber noch weiter. Für mich ist es vor allem die Erforschung des Unmenschlichen, das vorher existiert hat und weiter vorhanden sein wird. Es gab Pogrome seit Jahrhunderten und es wird weiterhin Nachbeben geben. Das Wort „Jude“ wird niemals im Roman ausgesprochen, da ich wollte, dass der Leser darin jeden Fremden, Ausländer wieder erkennt: jenen, der anders ist, der Andere. Das Buch geht von der Beobachtung einer Gesellschaft aus, die den anderen nicht toleriert. Es verweist also auf die Gegenwart. Wie empfängt man heute den Fremden? Ich mag es, die Leute dahin mitzuziehen, wo sie nicht unbedingt gegangen wären… Der rote Faden liegt in der Schuldhaftigkeit und dem Übermaß an Gedächtnis. Muss man sich an alles erinnern?
M.C.: Der erste Satz hat eine außergewöhnliche Kraft. Man merkt, dass er Sie mit sich gezogen hat…
P.C.: „Le rapport de Brodeck“ ist umfangreicher als die vorherigen Romane, doch alles ist im ersten Satz. Da könnte man aufhören… Ich bin ein Bewunderer des japanischen Gartens, der eine Zusammenfassung der Welt ist. Manchmal werden Bücher von einem Bild, einem Wort geboren. Tatsächlich bin ich eines Morgens aufgewacht mit jenem Satz im Kopf: „Ich heiße Brodeck und ich kann nichts dafür.“ Ich war sofort fasziniert von diesem Namen, Brodeck, durch seinen Lautcharakter. Das K lässt etwas wie einen Schnitt, eine Kreuzigung verstehen. Zur selben Zeit ist Brodeck jemand, der Geschichten webt (Wortspiel: broder -weben, sticken). Er wird von der Gesellschaft beauftragt zu erzählen. Doch als er seinen Beitrag abgibt, ist man sauer auf ihn, denn er hält den Spiegel der Wahrheit, der schwer ertragbar ist. Der Roman ist nur ein Widerhall der Wirklichkeit. Es ist kein Zufall, wenn in einem Land, das der Diktatur anheimfällt, die ersten Verurteilten und Gerichteten die Dichter und Intellektuellen sind. Da kann man an den Nationalsozialismus denken, aber auch den Stalinismus, an Mao, an Pol Pot, an Castro. Für mich ist Literatur von Grund her ein Akt des Widerstandes. Literatur ist immer entschieden engagiert. Brodeck beinhaltet die Schuld einer ganzen Gemeinschaft. Er ist ein Überlebender, zurückgekehrt aus dem Reich der Toten. Diejenigen, die ihn dorthin geschickt haben, haben keine Lust, ihn wieder zu sehen. Der Mythos will, dass man nicht aus der Hölle zurückkehrt, vor allem wenn man sich zu seiner Vergangenheit wendet. Brodeck hört nicht auf, zurück zu schauen um zu erzählen. Brodeck/Orpheus wird seine Eurydike wiederfinden. Doch sie wird nicht mehr ganz die selbe sein…
M.C.: Hatte er im Lager Recht, wenn er es annahm, ein Hund zu werden, Hund Brodeck?
P.C.: Er sagt ganz klar, dass es keine Demütigung darin gibt, Hund zu sein vor Menschen, die es nicht mehr sind: Wärter, die Wölfe geworden sind. Der Stolz des Menschen ist nicht da hinein zu legen. Brodeck ist grundsätzlich ein Gegenheld, doch er ist kein Feigling.
M.C.: Der Komplex des Überlebenden, ist dies ein ihnen nahes Gefühl?
P.C.: Ich lebe es in milderer Form…, doch er ist stets gegenwärtig. Ohne Unterlass sage ich mir, dass ich Glück habe das Leben zu führen, wie ich es führe, während andere, hier und woanders, krank werden, den Krieg durchmachen etc. Was habe ich gemacht, um mein Los zu verdienen? Und was haben sie gemacht? So unterhalte ich eine Form des Schuldgefühls. Ich betrachte den Schreiber als einen beständigen Schuldner: ich muss sagen und erzählen für jene, die es nicht können.
M.C.: Der Bericht, den Brodeck schreibt, stellt ihn herunter und verurteilt ihn, aber gibt ihm das Schreiben nicht auch seine Freiheit und seine Menschlichkeit zurück?
P.C.: Wie die Personen meiner vorhergehenden Romane ist Brodeck jemand, der plötzlich das Schreiben entdeckt. Als Förster war er, wie Barthes es ausdrückte, ein „écrivant“, ein bloßer Aufschreiber, der kleine Berichte über die Flora und Fauna ausbrütete. Dann wird er erbeten, jenen berühmten Bericht abzufertigen, der ihn übersteigt. Nun aber findet er eine dritte Form des Schreibens, jene des Schriftstellers: sie erlaubt ihm, ein schmerzhaftes Erleben in Worte auszudrücken, was er niemals zuvor hat machen können. Der Roman ist der Ort, wo es einem gelingt auszudrücken, was man nicht woanders hat sagen können. Viele Überlebende der Shoah haben jahrelang nichts ausdrücken können, die Worte fehlten um die Unmenschlichkeit auszudrücken. Das Überlegen über das, was die Literatur nach den Lagern konnte oder nicht – dieser berühmte Satz von Adorno – ist nicht fertig, abgeschlossen zu werden.
M.C.: Sie zitieren Primo Levi: „“Erzählen ist ein sicheres Heilmittel…“, doch Sie scheinen es auch zu bezweifeln…
P.C.: Erzählen ist paradoxal. Es ist das „pharmakon“ der Griechen, zur selben Zeit Gift und Heilmittel. Es gibt keine bessere Definition für das Schreiben: das, was vergiftet und heil macht. Indem er sich erzählt beunruhigt sich Brodeck vielleicht, doch er findet auch einen Frieden. Der Schreiber impft sich mit etwas (der Erinnerung), um das Böse zu bekämpfen. Gewisse meiner Romane sind dem Prinzip einer analytischen Kur sehr nahe.
M.C.: Ist das Schreiben Ihre persönliche Weise der Analyse?
P.C.: Ich glaube, ja. Doch wenn ich in meinen Texten tragisch bin, bin ich ansonsten eher ein bon vivant. Wäre ich in meinem Leben tragisch, schriebe ich vielleicht komische Texte. Es scheint, dass Woody Allen im Leben von unendlicher Traurigkeit ist… Ich hatte eine glückliche und überbeschützte Kindheit. Das war in der Lorraine, in jenem Dorf bei Nancy, wo ich immer noch lebe. Das Haus meiner Eltern war an den Feldern gelegen: es gab einen Fluss, Hänge mit Obstbäumen, einen Teich. Als ich in der Jugend die Welt wie sie mit ihren Ungerechtigkeiten ist entdeckte, war es ein Schock…
M.C.: Sie haben den Glauben verloren…
P.C.: Hätte ich weiterhin an die Existenz Gottes geglaubt, wäre ich viel zu sehr in Zorn gegen ihn gewesen. Ich habe es vorgezogen, mich zu enthalten. Das ist nicht strikt an die Shoah gebunden, aber es ist wahr, dass für mich Gott nicht zu vereinbaren ist mit solchen leidvollen Prüfungen. Die Tatsache, dass einige glücklich geboren werden, in Ländern im Frieden, während andere im Darfour zur Welt kommen und nur Elend und Tod kennen – welchen Sinn soll man darin sehen? Welche göttliche Absicht könnte diese Situation rechtfertigen? Was ich dahingehend toll fand an der katholischen Erziehung – die ich empfangen habe und die ich meiner Tochter gebe – dass sie Werte der Toleranz, der Liebe, der Menschlichkeit beinhaltet. Das einzige Element, das ich verloren habe, ist der Glaube. Ich habe das ganze Haus behalten, es fehlt nur das Dach… Das schöne Wort Religion (religare) versuche ich ohne Unterlass in meinem Beruf als Schriftsteller umzusetzen. Das Schreiben dient dazu, die Menschen zu verbinden und in meinem Leben versuche ich, ganz bescheiden, auf den anderen, den Nächsten zuzugehen, jener, der nahe bei einem ist und den man nicht sieht. Ich versuche ein Mensch zu sein, das heißt die positiven Werte, die in mir sind, hervorzuheben.
M.C.: Der Pfarrer in Ihrem Roman trinkt mehr als er denkt…
P.C.: Er ist ein Doppelgänger von Brodeck. Wie er ist er mit einem Zuviel an Erinnerung konfrontiert. Bei Brodeck wiegt das Gewicht der Geschichte. Beim Pfarrer ist es der intime Stoff aller Menschen: er hat alle Welt angehört und das Unerhörte gehört. An einem Punkt, überladen, kann er nicht mehr, um so mehr als dass er sich seiner Einsamkeit bewusst wird. Es handelt sich um jemanden, der in den Garten Gethsemani eingetreten ist und immer noch wartet. Er hat nach Gott gerufen und niemand antwortet.
M.C.: Kann man von einem Romanhelden wie Brodek sagen, dass er eine christusfigürliche Dimension hat?
P.C.: Ja,er ist jener, der sich für die anderen aussetzt, der für die anderen leidet. Der Roman erzählt, wie er sein Leiden erlebt hat. Ich hätte übrigens das Buch beinahe „Die Beichte von Brodeck“ genannt, aber der administrative Aspekt des Berichts hat letztlich Überhand genommen. Für mich sind übrigens viele Rockikonen – Jim Morrison, Jimmy Hendrix, Janis Choplin – christusfigürliche Personen: Menschen, die jung sterben, die ihr Leben aufbrauchen indem sie Bereiche erforschen, in die wir selbst nicht gehen, weil wir weder die Risikofreudigkeit noch das Talent haben. Brodeck ist an die Grenzen der Menschheit gegangen, er ist deren Abgeordneter, Gesandter. Er ist der Sündenbock, derjenige, den man kreuzigt.
M.C.: Sind Sie, ähnlich wie Nietzsche, ein Atheist, der vom Heiligen fasziniert ist?
P.C.: Das mag ein Sakrileg erscheinen, aber ich habe viel Freude dabei, meine Tochter zur Messe zu begleiten. Die wahre Revolte liegt heute vielleicht da. Genauso wie skandalös in der Literatur zu sein. Der wahrhafte Skandal ist nicht ein weiteres Buch über den Sex oder einen annähernd bösartigen Roman à la Houellebecq zu schreiben, aber Geschichten zu bilden, die nach nichts ausschauen und dahin führen, wohin niemand geht…
Source: www.lavie.presse.fr